Die nackten Zahlen: Wie sich das Klima im Mölltal verändert
Um zu verstehen, was Klimahüllen sind und warum sie sich verschieben, müssen wir zunächst einen Blick auf die realen Daten vor unserer Haustür werfen. Die beiden Auswertungen, die mir von Tauernwetter.at für die Stationen Mallnitz, Obervellach und Döllach zur Verfügung gestellt wurden, zeigen seit 1970 ein klares, wenn auch auf den ersten Blick paradoxes Bild:
1. Es wird rasant wärmer
Die Grafik zur Jahresmitteltemperatur zeigt für alle drei Messstationen im Mölltal seit 1970 steil nach oben. Auch wenn es kältere und wärmere Einzeljahre gibt (die feinen Linien im Hintergrund), spricht der gleitende 7-Jahres-Schnitt (die dicken Linien) Bände:
- In Mallnitz stieg die Durchschnittstemperatur um +1,7 °C.
- In Obervellach um +2,2 °C.
- In Döllach sogar um beachtliche +2,9 °C.
Die zweite Grafik zum Jahresniederschlag überrascht vielleicht manche: Es wird im Mölltal im Jahresdurchschnitt nicht trockener, sondern nasser. Zwar sind die Ausschläge von Jahr zu Jahr extrem zackig und volatil, der langfristige Trend zeigt jedoch bei allen drei Stationen nach oben. In Mallnitz verzeichnen wir über den gemessenen Zeitraum sogar ein deutliches Plus von +361 mm im Jahresniederschlag.
Von der Statistik zur "Klimahülle"
Was fangen wir nun im Wald mit diesen Daten an? Genau hier kommt der Begriff der Klimahülle ins Spiel.
Jede Baumart hat eine Art unsichtbare Komfortzone – Bedingungen, unter denen sie optimal wächst, gesund bleibt und sich gegen Schädlinge wehren kann. Diese Komfortzone wird maßgeblich durch das Zusammenspiel von Temperatur und Niederschlag definiert.
Wenn wir nun die beiden obigen Grafiken übereinanderlegen würden, könnten wir für das Mölltal eine lokale Klimahülle zeichnen. Wir würden grafisch sehen, wie sich das Klima unserer Region im Laufe der letzten Jahrzehnte systematisch in Richtung "wärmer und feuchter (im Jahresdurchschnitt)" verschoben hat. Für Bäume, die an das kühlere Klima der 1970er Jahre angepasst waren, wandert das lokale Klima buchstäblich aus ihrer genetischen Wohlfühl-Hülle heraus.
Beispiel: Die Klimahülle für die Fichte
(Quelle: C. KÖLLING)
Der Haken an der Jahresstatistik: Warum wir auf den Sommer schauen müssen
Man könnte nun meinen: „Wunderbar, es wird zwar wärmer, aber es regnet ja auch mehr. Das gleicht sich doch aus, oder?“ Leider nein. Wenn wir die klimatische Eignung von Baumarten für die Zukunft beurteilen wollen, sind Jahresdurchschnittswerte trügerisch und oft sogar irreführend.
Deshalb werden wir uns bei der Beurteilung, welche Baumarten im Mölltal zukünftig überleben, nicht auf diese Jahresmittelwerte verlassen, sondern gezielt die Sommertemperaturen und die Sommerniederschläge heranziehen. Dafür gibt es drei entscheidende Gründe:
- Der Wachstums-Flaschenhals: Ein Baum wächst und transpiriert hauptsächlich in der Vegetationsperiode (Frühjahr bis Herbst). Ein extrem milder, nasser Winter treibt zwar die Jahresstatistik nach oben, hilft dem Baum im Juli aber nicht, wenn er dringend Wasser für die Photosynthese braucht.
- Extreme statt Durchschnitte: Wie wir bereits beim Thema Verdunstung gesehen haben, saugt heiße Sommerluft die Feuchtigkeit exponentiell aus dem Boden. Ein paar Wochen extreme Sommerhitze können einen Baum töten (Trockenstress), selbst wenn das Jahresmittel durch einen kühlen November völlig unauffällig aussieht.
- Der falsche Regen: Das Niederschlags-Plus aus der Grafik fällt zunehmend als Starkregen in kurzen Sommergewittern oder als Winterregen (statt Schnee). Beides fließt oft ungenutzt ab und steht den tiefen Wurzeln in den entscheidenden, heißen Sommermonaten nicht zur Verfügung.
Fazit: Um seriös vorherzusagen, ob die Fichte in Obervellach bleibt oder der Tanne und Eiche weichen muss, müssen wir die Klimahüllen zwingend anhand der Sommer-Extreme definieren, nicht anhand weichgespülter Jahresdurchschnitte.





