Bevor wir in die Zukunft blicken und überlegen, welche Bäume im Mölltal von morgen wachsen werden, müssen wir verstehen, woher wir kommen und was sich bereits verändert hat. Dafür werfen wir einen Blick auf die historischen Klimadaten der letzten fünf Jahrzehnte.
Warum gerade die Sommertemperatur?
Vielleicht fragen Sie sich: Warum fokussieren wir uns bei der Bewertung des Waldes primär auf die Sommertemperatur (die Monate Juni bis August) und nicht etwa auf den Jahresdurchschnitt oder kalte Winter?
Die Antwort liegt in der Biologie der Bäume. Der Sommer ist die Hauptvegetationsperiode. In dieser Zeit müssen Bäume wachsen, Photosynthese betreiben und Reserven für den Winter anlegen. Die Sommertemperatur ist dabei aus zwei Gründen der alles entscheidende, limitierende Faktor:
- Hitze bedeutet Wasserstress: Je wärmer es im Sommer ist, desto mehr Wasser verdunstet – sowohl über die Nadeln und Blätter der Bäume (Transpiration) als auch direkt aus dem Waldboden (Evaporation). Steigt die Temperatur, ohne dass gleichzeitig deutlich mehr Regen fällt, geraten die Bäume in extremen Trockenstress.
- Anfälligkeit für Schädlinge: Bäume unter Trockenstress weisen eine verminderte Abwehrkraft auf. Das prominenteste Beispiel in unserer Region ist die Fichte: Fehlt ihr das Wasser, kann sie nicht genug Harz produzieren, um sich gegen einbohrende Borkenkäfer zu wehren. Gleichzeitig profitieren Insekten von wärmeren Sommern, da sie sich schneller und in mehreren Generationen vermehren können.
Kurz gesagt: Die Sommertemperatur entscheidet darüber, ob ein Baum in seiner Komfortzone lebt oder ums nackte Überleben kämpft.
Die nackten Zahlen: Fünf Jahrzehnte im Mölltal
Um zu sehen, wie sich dieser limitierende Faktor in unserer Heimat entwickelt hat, haben wir die Daten von tauernwetter.at für drei repräsentative Messstationen im Mölltal analysiert: Obervellach, Döllach und Mallnitz. Diese drei Stationen decken unterschiedliche Höhenlagen und mikroklimatische Bedingungen unseres Tals ab.
Die Grafik zeigt die mittlere Sommertemperatur von knapp nach 1970 bis in die Gegenwart. Um die extremen Schwankungen einzelner Jahre (die dünnen Linien) besser einordnen zu können, wurde ein 7-Jahres-Mittelwert (die dicken, durchgehenden Linien) gebildet.
Die Analyse dieser Daten liefert ein unmissverständliches Bild: Es wird rasant wärmer, und zwar überall.
- Obervellach (Rot - die wärmste Lage): Obervellach verzeichnet nicht nur die höchsten absoluten Temperaturen, sondern auch den extremsten Anstieg. Während die mittleren Sommertemperaturen in den 1970er Jahren noch oft um die 15,5 °C bis 16 °C pendelten, kratzen sie in den letzten Jahren regelmäßig an der 19 °C-Marke. Der lineare Trend zeigt eine Erwärmung von +0,64 °C pro Jahrzehnt. Insgesamt ist der Sommer hier im beobachteten Zeitraum um gewaltige +3,5 °C wärmer geworden. Für viele heimische Baumarten ist das ein dramatischer Sprung.
- Döllach (Grün - die mittlere Lage):
Auch in Döllach zeigt die Kurve steil nach oben. Die Station verzeichnet einen Trend von +0,56 °C pro Jahrzehnt. Die Gesamterwärmung liegt hier bei +3,0 °C. Die Sommer in Döllach sind heute im Schnitt so warm, wie sie es vor 40 Jahren drunten in Obervellach waren. - Mallnitz (Blau - die kühlste, höchste Lage):
Selbst im hoch gelegenen Mallnitz, wo die Temperaturen naturgemäß niedriger sind, schlägt der Klimawandel voll durch. Mit einem Anstieg von +0,48 °C pro Jahrzehnt und einer Gesamterwärmung von +2,6 °C zeigt sich, dass sich die klimatischen Zonen unaufhaltsam bergauf verschieben.
Das Fazit aus den historischen Daten: Die Erwärmung ist kein Zukunftsszenario, sie ist längst Realität. Besonders auffällig ist, dass die Kurven seit etwa dem Jahr 2000 noch einmal deutlich steiler nach oben zeigen – die Erwärmung beschleunigt sich. Die klimatischen Rahmenbedingungen für den Mölltaler Wald haben sich innerhalb eines halben Baumlebens fundamental verschoben.
Der Sommerniederschlag: Ein trügerisches Plus
Auf den ersten Blick könnte unsere zweite Auswertung der tauernwetter.at-Daten für Erleichterung sorgen. Betrachten wir die Niederschlagsmengen der Monate Juni bis August über die letzten fünf Jahrzehnte, sehen wir nämlich einen klaren Trend nach oben. Es regnet mehr im Mölltal!
Quelle: www.tauernwetter.at
Die Zahlen im Detail:
- Mallnitz (Blau): Hier verzeichnen wir den größten Anstieg. Der lineare Trend zeigt ein Plus von fast 24,3 mm pro Jahrzehnt. Insgesamt regnet es im Mallnitzer Sommer heute im Schnitt um beachtliche 131 mm mehr als in den 1970er Jahren.
- Döllach (Grün): Auch hier zeigt die Kurve aufwärts, mit einem Zuwachs von knapp 18,8 mm pro Jahrzehnt und einem Gesamtplus von 102 mm.
- Obervellach (Rot): In der wärmsten Lage fällt der Anstieg moderater aus, aber auch hier gibt es ein lineares Wachstum von rund 12,5 mm pro Jahrzehnt, was in Summe ein Plus von 67 mm
Man könnte nun schlussfolgern: Es wird zwar wärmer, aber da es gleichzeitig mehr regnet, gleicht sich das für den Wald wieder aus. Leider ist das in der Naturpraxis ein fataler Trugschluss.
Warum mehr Regen nicht automatisch weniger Trockenstress bedeutet
Um zu verstehen, warum unsere Bäume trotz dieser Niederschlagszuwächse zunehmend unter Wassermangel leiden, müssen wir uns das physikalische Zusammenspiel von Temperatur und Wasser ansehen. Hier gibt es zwei entscheidende Faktoren, die das Plus an Regen regelrecht "auffressen":
- Der exponentielle Durst der Atmosphäre (Verdunstung)
Warme Luft wirkt wie ein unsichtbarer Schwamm. Je wärmer es wird, desto mehr Feuchtigkeit saugt die Atmosphäre aus dem Waldboden und über die Nadeln und Blätter der Bäume auf. Dieser Zusammenhang ist nicht linear, sondern steigt mit der Temperatur steil an. Ein massiver Temperaturanstieg von bis zu 3,5 °C (wie in Obervellach) treibt die Verdunstung derart in die Höhe, dass der zusätzliche Regen von 67 mm bei Weitem nicht ausreicht, um diesen Verlust zu kompensieren. Die sogenannte klimatische Wasserbilanz (Niederschlag minus Verdunstung) rutscht in den Hochsommermonaten trotz des Regens immer tiefer ins Minus.
- Die Art des Regens: Starkregen statt Landregen
Physikalisch gilt: Wärmere Luft kann deutlich mehr Wasserdampf speichern. Wenn diese Feuchtigkeit abregnet, passiert das immer seltener in Form von sanftem, tagelangem "Landregen", der genügend Zeit hat, tief ins Erdreich zu den Baumwurzeln einzusickern. Stattdessen entlädt sich das Wasser zunehmend in heftigen Sommergewittern und Starkregenereignissen (was die extremen, zackigen Ausschläge in der Grafik der Einzeljahre erklärt).
Wenn in sehr kurzer Zeit enorme Wassermassen auf einen möglicherweise bereits ausgetrockneten, harten Waldboden treffen, kann die Erde das Wasser gar nicht schnell genug aufnehmen. Ein Großteil fließt oberflächlich ab, füllt rasch unsere Bäche und Flüsse – aber an den Wurzeln der Bäume zieht das lebenswichtige Nass ungenutzt vorbei.
Unsere Bewertung für den Mölltaler Wald:
Das Plus beim Sommerniederschlag ist wichtig und verhindert Schlimmeres, aber es ist leider nur der viel zitierte Tropfen auf den heißen Stein. Die drastisch gestiegenen Temperaturen dominieren das System. Der Trockenstress für den Wald bleibt nicht nur bestehen, er verschärft sich weiter. Besonders flachwurzelnde Baumarten wie unsere heimische Fichte, die auf eine konstante Feuchtigkeit in den oberen Bodenschichten angewiesen sind, geraten durch diese Dynamik massiv unter Druck. Wir müssen daher schauen, welche Bäume unsere aktuellen und zukünftigen Sommertemperaturen vertragen.



