Auswirkungen vollständiger Räumung von Störungsflächen im inneralpinen Gebirgsschutzwald: Mikroklima, Naturgefahren und waldbauliche Perspektiven
1. Einleitung und grundlegende Problemstellung: Die ökosystemare Zäsur im Gebirgswald
Die inneralpinen Gebirgswälder erfüllen eine unverzichtbare, systemkritische Aufgabe, die weit über die reine Holzproduktion hinausgeht: Sie fungieren als biologische Schutzschilde, die Siedlungsräume, essenzielle Infrastrukturen und hochrangige Verkehrswege vor gravitativen Naturgefahren wie Lawinen, Steinschlag und Murgängen bewahren.1 Diese historisch gewachsenen und oft über Jahrhunderte hinweg gepflegten Schutzwälder befinden sich gegenwärtig in einer beispiellosen Phase der Destabilisierung. Ausgelöst durch den globalen Klimawandel, veränderte Niederschlagsregime, thermische Verschiebungen und die dramatische Zunahme von Wetterextremen, häufen sich im gesamten Alpenraum katastrophale Störungsereignisse von historischem Ausmaß.4 Orkane, schwere Föhnstürme und massive Schneebruchereignisse, wie beispielsweise das verheerende Sturmtief "Vaia" im Herbst 2018, haben enorme strukturelle Schäden in den sensiblen Waldbeständen hinterlassen.7
Der eigentliche ökosystemare Kollaps erfolgt jedoch zumeist erst in der sekundären Störungsphase. Die durch Windwurf und Schneebruch mechanisch geschwächten oder geworfenen, oftmals fichtendominierten Bestände bieten rindenbrütenden Insekten – allen voran dem Buchdrucker (Ips typographus) – idealste Brutbedingungen.8 Die resultierende Massenvermehrung des Borkenkäfers, begünstigt durch verlängerte Vegetationsperioden und trockenheitsgestresste Wirtsbäume, zwingt die Forstwirtschaft in einen permanenten Krisenmodus und zu drastischen Gegenmaßnahmen.4 Angetrieben von der historisch tief in der Forstwissenschaft verankerten Maxime der "sauberen Waldwirtschaft", deren oberstes waldhygienisches Ziel die rigorose Entzugnahme von bruttauglichem Material zur Eindämmung der Käferpopulation ist, kommt es in der forstlichen Praxis nach wie vor häufig zu einer vollständigen Räumung der betroffenen Schadflächen.11
Das direkte Resultat dieser radikalen phytosanitären Maßnahme ist die Entstehung großflächiger, vollkommen geräumter Kahlflächen. In steilen, inneralpinen Lagen erweist sich diese traditionelle Totalräumung jedoch zunehmend als ein massiver waldbaulicher, hydrologischer und ökologischer Fehler.14 Die Beseitigung jeglicher oberirdischer Biomasse – vom liegenden Stammholz über hochragende Wurzelteller bis hin zum Totholz und den Astresten – führt zu einem unmittelbaren, abrupten und vollständigen Verlust der physikalischen Schutzfunktion.14 Gleichzeitig wird das lokale Mikroklima derart ins Extrem verschoben, dass eine natürliche Wiederbewaldung blockiert wird und eine künstliche Wiederaufforstung mit zukunftsfähigen, sogenannten klimafitten Baumarten an ihre absoluten biologischen Grenzen stößt.18
Die vorliegende Recherche analysiert die physikalischen, thermodynamischen und mikroklimatischen Auswirkungen dieser Kahlflächen tiefgehend, beleuchtet die gravierenden physiologischen Probleme bei der Wiederbewaldung und evaluiert praxiserprobte Alternativen, die den zwingend notwendigen Schutz vor Naturgefahren aufrechterhalten. Abschließend wird eine dedizierte Überleitung zur forstlichen Praxis auf www.wald1.at geschaffen, um Lösungsansätze für bereits geräumte Flächen im Kärntner Mölltal zu skizzieren.
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2. Der Verlust der physikalischen Schutzfunktion: Lawinendynamik, Steinschlag und Erosion
Die essenzielle Schutzwirkung eines Gebirgswaldes beruht auf messbaren physikalischen Widerständen. Baumstämme, tiefgreifende Wurzelwerke, komplexe Bodenstrukturen und insbesondere Totholz absorbieren kinetische Energie und erhöhen die sogenannte Oberflächenrauhigkeit (Surface Roughness) eines Hanges maßgeblich.14 Wird eine durch Sturm oder Käferbefall entstandene Störungsfläche vollständig durch Harvester und Seilkräne geräumt, gleicht der Berghang physikalisch einer glatten Rutschbahn. Die weitreichenden Konsequenzen für die Abwehr von Naturgefahren lassen sich in drei prozessuale Hauptkategorien unterteilen: Lawinenbildung, Steinschlagdynamik und hydrologische Erosionsprozesse.
2.1 Lawinendynamik und das Versagen der Oberflächenrauhigkeit
Ein intakter, mehrschichtiger Gebirgswald verhindert die Entstehung von Lawinen in der sogenannten Anrisszone durch mehrere gekoppelte Mechanismen. Einerseits fangen die Baumkronen fallenden Schnee ab (Interzeption), der anschließend in die Atmosphäre sublimiert oder in kleineren, harmlosen Paketen zu Boden fällt, was die Gesamtschneehöhe am Boden im Vergleich zum Freiland signifikant reduziert.1 Viel entscheidender für die Hangstabilität ist jedoch die mechanische Verankerung der Schneedecke durch die vertikalen und horizontalen Strukturen am Boden.14
Auf einer vollständig geräumten Kahlfläche entfallen diese Haltepunkte komplett. Die ungedämpfte thermische Abstrahlung des unbedeckten Bodens in Kombination mit direkter, starker Sonneneinstrahlung an Südhängen führt zu einer extrem raschen und ungünstigen Metamorphose der untersten Schneeschichten.15 Es bilden sich große, kantige Kristalle und tiefenreife, kohäsionslose Schwimmschneeschichten, die als perfektes Gleitlager fungieren. Da die stützenden Elemente – wie stehengelassene Baumstümpfe, hochgeklappte Wurzelteller und querliegendes Holz – durch die Totalräumung entfernt wurden, kommt es unweigerlich zum unaufhaltsamen Schneegleiten.14 Die Schneedecke gerät unter Zugspannung, reißt auf (sogenannte Fischmäuler entstehen) und es kommt zum großflächigen Lawinenanriss.
Wissenschaftliche Langzeitstudien der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), insbesondere auf den ausgedehnten Windwurfflächen des Sturms "Vivian" (Februar 1990) im Gebiet Disentis, haben dieses physikalische Phänomen empirisch exakt belegt.14 Diese Studien zeigten eindrucksvoll, dass ungeräumte oder nur partiell geräumte Windwurfflächen einen weitaus besseren und dauerhafteren Lawinenschutz bieten als vollständig "sauber" geräumte Flächen.14 Das auf der Fläche belassene Totholz, die hochragenden Wurzelteller und die kreuz und quer liegenden Stämme bilden einen extrem dichten, dreidimensionalen Verhau, der die Schneedecke mechanisch tiefenwirksam verankert und Lawinenanrisse effektiv unterbindet.14 Auf Kahlflächen hingegen ist diese Rauhigkeit nicht mehr existent; die Lawinenschutzfunktion sinkt faktisch auf null ab, was in steilen Einzugsgebieten eine unmittelbare Bedrohung für den Talboden darstellt.15 Selbst 20 Jahre nach dem Sturmereignis wurde die Lawinenschutzfunktion auf den geräumten Vivian-Flächen größtenteils als ungenügend beurteilt, während in den belassenen Sturmflächen kaum Lawinenabgänge beobachtet wurden.15
2.2 Steinschlag und die Absorptionskapazität von Totholz
Beim technischen und biologischen Steinschlagschutz geht es primär um die Vernichtung kinetischer Energie und die Veränderung der Sprungtrajektorien (Flughöhen und Weiten) von herabstürzenden Gesteinsbrocken.2 In einem gesunden, stehenden Wald wirken die massiven Stämme als vertikale Barrieren, die Steine stoppen oder zumindest durch multiple Kollisionen ablenken und abbremsen. Auf Störungsflächen muss das liegende Totholz zwingend diese essenzielle Funktion übernehmen.6
Neuere Forschungen der WSL mit Hochgeschwindigkeitskameras und mit komplexen Sensoren ausgestatteten "Hightech-Steinen" beweisen eindeutig, dass Totholz eine enorme Schutzwirkung gegen Steinschlag entfaltet.6 In einem bemerkenswerten Feldexperiment ("200 Steine in 12 Tagen") untersuchten die Forscher die optimale Schutzwirkung von Wäldern und den spezifischen Effekt von liegendem Totholz in extrem steilem Gelände.6 Die Daten zeigen, dass liegende Stämme nicht nur als physische, blockierende Barrieren fungieren. Besonders wenn das Holz in höhere Zersetzungsstadien übergeht und von Basidiomycota (Ständerpilzen) wie dem Rotrandigen Baumschwamm (Fomitopsis pinicola) durchdrungen wird, behält und optimiert es seine Dämpfungswirkung.15 Der weiche, pilzdurchsetzte Holzkörper plastifiziert beim gewaltigen Aufprall eines Felsbrockens und absorbiert die Aufprallenergie fast vollständig (der Restitutionskoeffizient tendiert gegen null), anstatt den Stein, wie es bei hartem Fels der Fall wäre, elastisch wieder abprallen zu lassen.6
Wird die Fläche jedoch durch den Harvester oder Seilkran "sauber" geräumt und das Holz vollständig abgefahren, entfällt dieser natürliche, hocheffiziente Stoßdämpfer restlos. Steine können auf der glatten, durch Rückegassen zusätzlich verdichteten Oberfläche ungehindert beschleunigen, ihre Sprunghöhen maximieren sich mangels Hindernissen, und sie erreichen im Transitgebiet Endgeschwindigkeiten, die tieferliegende Siedlungen, Schienenwege und Straßen massiv bedrohen.14 Um diesen gravierenden Funktionsverlust auf einer künstlich geschaffenen Kahlfläche auszugleichen, muss die öffentliche Hand zwingend massive künstliche Steinschlagnetze und Lawinenverbauungen installieren.
2.3 Ökonomische Betrachtung: Naturkapital vs. Technische Verbauung
Eine detaillierte Kalkulation der Österreichischen Bundesforste (ÖBf) verdeutlicht die exorbitanten Kosten technischer Schutzeinrichtungen im direkten Vergleich zur Aufrechterhaltung eines intakten Schutzwaldes oder der Belassung von biologischen Strukturen.1 Die monetäre Bewertung der Schutzfunktion offenbart die volkswirtschaftliche Irrationalität vieler Totalräumungen.
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Maßnahmentyp / Verbauung |
Mittlere Herstellkosten (EUR pro Stück/Laufmeter) |
Notwendige Menge pro Hektar |
Gesamte Herstellkosten (EUR pro Hektar) |
Planungskosten (5%) (EUR) |
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Lawinengalerie |
15.000 EUR |
100 |
1.575.000 EUR |
78.750 EUR |
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Stahlschneebrücken |
1.100 EUR |
600 |
660.000 EUR |
33.000 EUR |
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Stahlnetze (Steinschlag) |
1.400 EUR |
600 |
882.000 EUR |
44.100 EUR |
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Schneenetze |
500 EUR |
600 |
315.000 EUR |
15.750 EUR |
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Aufforstung (Künstlich) |
- |
- |
40.000 EUR |
- |
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Belassen von Totholz |
0 EUR |
- |
0 EUR |
0 EUR |
Tabelle 1: Ökonomischer und funktionaler Vergleich zwischen natürlichem Totholzschutz, Aufforstung und künstlichen, technischen Verbauungen im alpinen Schutzwald (Datenbasis: ÖBf Schutzwaldstudie 1).
Wie die Tabelle unmissverständlich darstellt, ist der technische Ersatz der verlorenen Schutzfunktion auf einer Kahlfläche mit massiven Kosten im Bereich von Hunderttausenden bis über einer Million Euro pro Hektar verbunden.1 Eine präventive Totalräumung zur vermeintlichen Waldhygiene wandelt somit einen bislang kostenlosen ökologischen Service der Natur in ein gigantisches volkswirtschaftliches Defizit um, das letztlich durch Steuergelder getragen werden muss.
2.4 Hydrologische Folgen und Erosionsprozesse im Hangbereich
Neben der Schnee- und Steinschlaggefahr ist das Wasser ein primärer, hochdynamischer Gefahrenfaktor im steilen Gelände. Das intakte Kronendach eines Waldes bricht die Fallenergie von Starkregenereignissen. Der Waldboden, tiefgründig durchwurzelt und von einer dicken, absorptionsfähigen Humusschicht bedeckt, wirkt wie ein gewaltiger Schwamm. Auf einer Kahlfläche schlagen schwere Regentropfen mit voller kinetischer Energie direkt auf den ungeschützten Mineralboden auf (Splash-Erosion). Die fehlende Interzeption und die durch schwere Forstmaschinen und die Holzrückung oft extrem verdichteten Böden führen zu einem rasanten Anstieg des Oberflächenabflusses.
Dies initiiert Rillenerosion, spült wertvolle Nährstoffe aus dem ohnehin kargen Gebirgsboden und erhöht die Gefahr von flachgründigen Hangrutschungen und Muren exponentiell.3 Zwar stellt mobiles Wildholz (Schwemmholz) in steilen Bachläufen bei Hochwasser eine reale Verklausungsgefahr an Brücken und Durchlässen dar 3, weshalb die Grabeneinhangbewirtschaftung spezielle Richtlinien erfordert.23 Jedoch überwiegt im eigentlichen, flächigen Hangbereich die erosionshemmende und stabilisierende Wirkung des quer liegenden und stockenden Holzes bei Weitem die Nachteile. Werden auch hier die Kahlflächen bis auf den letzten Ast geräumt, verliert der Boden seinen inneren Zusammenhalt.23
3. Thermodynamik der Kahlfläche und das waldbauliche Spätfrost-Paradoxon
Während die physikalischen Gefahren für talnahe Siedlungen offensichtlich sind, vollzieht sich auf der Kahlfläche selbst eine lautlose, aber nicht minder fatale Katastrophe: die radikale Veränderung des Mikroklimas. Die schwerwiegendste waldbauliche Konsequenz einer Totalräumung ist die Unmöglichkeit, den Wald rasch und zielgerichtet mit gewünschten, zukunftsfähigen Baumarten wiederaufzubauen. Ein intakter Hochwald dämpft klimatische Extreme enorm: Er kühlt an heißen Sommertagen durch Transpiration und Beschattung und hält die Infrarot-Wärmestrahlung in klaren Nächten wie eine isolierende Decke im Bestand. Fällt dieses Kronendach durch Sturm, Käfer und anschließende Räumung großflächig weg, verwandelt sich die Waldfläche thermisch in ein unberechenbares Extremhabitat.19
3.1 Strahlungsbilanz, Hitzestress und Austrocknung
Ohne den schützenden Schirm der Altbäume trifft die kurzwellige Sonneneinstrahlung ungehindert direkt auf den Waldboden. Dunkle Humusschichten oder verbliebene Nadelstreu absorbieren diese intensive Strahlung fast vollständig und wandeln sie in fühlbare Wärme (sensible heat) um.19 Die Bodentemperaturen können an süd- oder südwestexponierten alpinen Kahlflächen im Hochsommer schnell kritische Werte von über 50 °C erreichen. Diese enorme Hitzebelastung führt zu einer drastischen Erhöhung der Evapotranspiration und einer rapiden, tiefgründigen Austrocknung der oberen Bodenschichten.18 Für natürlich angeflogene Sämlinge und teuer künstlich frisch gepflanzte Bäumchen, deren feine Wurzelsysteme noch extrem flach ausgebildet sind, bedeutet dies fatalen Trockenstress, der oft zum Totalausfall ganzer Aufforstungskulturen führt.
3.2 Das Phänomen des Kaltluftsees und die unsichtbare Gefahr der Spätfröste
Das physikalische Gegenteil dieses Hitzestresses tritt auf der Kahlfläche in klaren, windstillen Nächten auf, insbesondere in den kritischen Monaten April und Mai. Der ungeschützte Boden strahlt die langwellige Infrarotstrahlung ungehindert in die freie Atmosphäre ab, was zu einer extremen Auskühlung der bodennahen Luftschichten führt (Ausstrahlungskälte).19
Thermodynamisch verhält sich Kaltluft ähnlich wie eine zähe Flüssigkeit: Sie ist dichter und damit signifikant schwerer als warme Luft.19 An den steilen, geräumten Hängen des Gebirges fließt diese schwere, eiskalte Luft der Schwerkraft folgend hangabwärts. Trifft diese abfließende Kaltluft auf topographische Barrieren – wie etwa einen künstlich angelegten Forstweg, einen natürlichen Gegenhang, eine extrem dichte Naturverjüngungs-Dickung am Unterhang oder flache Mulden im Gelände – staut sie sich unweigerlich auf.19 Es entstehen sogenannte Kaltluftseen oder Frostsenken.19 In diesen unsichtbaren Seen können die mikroklimatischen Temperaturen in klaren Frühlingsnächten massiv unter den Gefrierpunkt fallen, selbst wenn die makroklimatische, allgemeine Wetterlage im Talgebiet mild und frostfrei ist.
3.3 Das waldbauliche Dilemma: Klimafit bedeutet meist spätfrostempfindlich
Um dem voranschreitenden Klimawandel aktiv zu begegnen und die instabilen, anfälligen Fichtenmonokulturen abzulösen, ist die Forstwirtschaft intensiv bemüht, großflächige Schadflächen mit sogenannten "klimafitten" Mischbaumarten wiederaufzuforsten.5 Im alpinen Raum zählen zu diesen zukunftsfähigen Arten vor allem die tiefwurzelnde Weißtanne, der Bergahorn und die Rotbuche.7 Das fundamentale waldbauliche Problem: Genau diese dringend benötigten Schlusswaldbaumarten sind biologisch zumeist extrem spätfrostempfindlich.18
Das paradoxe und hochgradig frustrierende Szenario entfaltet sich für den Waldbesitzer im Frühjahr. Milde Frühlingstemperaturen tagsüber signalisieren den jungen Pflanzen das Ende der winterlichen Ruhephase; sie beginnen rasch zu assimilieren und treiben aus. Die frischen, wasserreichen und noch völlig unverholzten Triebe sind in diesem Stadium hochsensibel. Fällt nun die Temperatur in der Kahlfläche nachts durch Kaltluftsammelung unter 0 °C, gefriert das extrazelluläre Wasser in den Leitbahnen der jungen Blätter und Triebe.19 Es bilden sich rasant Eiskristalle, die durch osmotischen Druck dem Zytoplasma das zelluläre Wasser entziehen. Die Folge ist eine mechanische Zerstörung der sensiblen Zellmembranen und eine tödliche intrazelluläre Dehydratation.
Am nächsten Morgen zeigen die Pflanzen das typische, verheerende Schadbild: "Schwarze Blätter".25 Die erfrorenen Triebe hängen schlaff herab, nekrotisieren binnen Stunden und sterben ab. Dieser Spätfrostschaden tötet zwar ältere Bäume selten direkt, aber er wirft die teuren Verjüngungspflanzen in ihrem vertikalen Wachstum massiv zurück.19 Die geschädigten Bäumchen müssen mühsam schlafende Knospen (Proventivknospen) aktivieren, verlieren ihre wichtige Apikaldominanz (sie wachsen buschig statt gerade) und verlieren dadurch den zeitlichen Konkurrenzkampf gegen aggressiv und schnell wachsende Begleitvegetation wie Adlerfarn, Springkraut oder Brombeere.20 Auf großen, ungeschirmten Kahlflächen kann ein einziges Spätfrostereignis die finanziellen und personellen Bemühungen jahrelanger künstlicher Wiederaufforstung in einer einzigen Nacht komplett zunichtemachen.
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Baumart / Gehölz |
Ökologische Rolle & Klimafitness im Bergwald |
Physiologische Spätfrostempfindlichkeit |
Waldbauliche Eignung auf völlig ungeschirmten Kahlflächen |
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Weißtanne (Abies alba) |
Tiefwurzler, hohe Resilienz, essenzielle Schattenbaumart |
Groß (sehr empfindlich, treibt früh aus) 19 |
Sehr gering (Benötigt zwingend Vorwaldschatten/Schirm) |
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Rotbuche (Fagus sylvatica) |
Laubmischholz, bodenverbessernd, klimaresilient |
Groß (sehr empfindlich gegen Strahlungsfröste) 19 |
Gering (Hohes Ausfallrisiko ohne schützenden Altbestand) |
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Fichte (Picea abies) |
Flachwurzler, klimaanfällig, Hauptwirt für Borkenkäfer |
Gering bis mäßig 19 |
Mittel (Wird historisch oft verwendet, ist aber klimabedingt strikt abzulehnen) |
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Sandbirke (Betula pendula) |
Pionierbaumart, Vorwald, extrem anspruchslos |
Sehr gering (absolut frosthart) 19 |
Sehr hoch (Ideal zur raschen mikroklimatischen Stabilisierung) |
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Vogelbeere (Sorbus aucuparia) |
Pionierbaumart, intensives Vogelnährgehölz |
Sehr gering (frosthart) 19 |
Sehr hoch (Stabilisiert den Boden, extrem wertvoll als Frostschutz) |
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Grauerle (Alnus incana) |
Pioniergehölz, bindet Luftstickstoff (Symbiose) |
Sehr gering (frosthart) 19 |
Sehr hoch (Ideal an feuchteren Hängen und Gräben) |
Tabelle 2: Analyse der Spätfrostempfindlichkeit waldbaulich relevanter Baumarten im alpinen Gebirgswald und deren Eignung für Freiflächenpflanzungen (Datenbasis: LWF Merkblatt 31 19).
Die Gegenüberstellung in Tabelle 2 verdeutlicht die immense Problematik: Die edlen Baumarten, die wir aus Gründen der Klimawandelanpassung dringend und flächendeckend im Bergwald benötigen (Tanne, Buche), sind auf der durch Räumung künstlich entstandenen Kahlfläche aufgrund ihrer extremen Spätfrostempfindlichkeit kaum erfolgreich und wirtschaftlich zu etablieren.
4. Ein zwingender Paradigmenwechsel im Störungsmanagement: Praxisnahe Alternativen zur Totalräumung
Um den drohenden Verlust der physikalischen Schutzfunktion (Lawinen, Steinschlag) zu verhindern und das mikroklimatische Desaster der Spätfrostsenken erst gar nicht entstehen zu lassen, muss im inneralpinen Schutzwald zwingend auf flächige Totalräumungen verzichtet werden. Die forstliche Wissenschaft und die fortschrittliche Praxis haben in den letzten Jahrzehnten effektive Instrumente entwickelt, um den Borkenkäfer konsequent zu bekämpfen und gleichzeitig die lebenswichtige Biomasse als Schutzschild im System zu belassen. Wie Winalp21-Projektleiter Jörg Ewald treffend formuliert, greifen einfache "Kochrezepte" zu kurz; es bedarf differenzierter, standortspezifischer Entscheidungen.5
4.1 Differenziertes Totholzmanagement und die Anlage von Hochstümpfen
Eine der effektivsten und kostengünstigsten Maßnahmen zum Erhalt der kritischen Oberflächenrauhigkeit ist das bewusste, geplante Belassen von liegendem und stehendem Totholz.6 Wenn Bäume aufgrund von Sturm geworfen oder gebrochen sind, sollten die massiven Stämme nicht unter hohem finanziellem Aufwand ins Tal geseilt werden. Werden sie gezielt quer zur Hangneigung belassen – und eventuell durch vorhandene Wurzelstöcke, Felsen oder intakte Bäume gegen Abrutschen gesichert – fangen sie abrollende Steine und abgleitenden Schnee sicher auf.14 Dies wird auch in den detaillierten Anleitungen zum Umgang mit Waldschäden im Schutzwald (wie beispielsweise im Modell der Dienststelle lawa Luzern) explizit gefordert: In Schadenflächen, die gewisse Maximalgrößen überschreiten, muss zwingend ein Anteil des Schadholzes, insbesondere im Steinschlagschutzwald, liegen bleiben (Variante V1).28
Ebenso wichtig ist die gezielte Anlage von sogenannten Hochstümpfen durch Forstfacharbeiter oder Harvester. Dabei handelt es sich um Bäume, die bewusst in 1 bis 2 Metern Höhe gekappt werden. Im Gegensatz zu herkömmlichen, bodennahen Stöcken durchbrechen diese Hochstümpfe eine sich aufbauende Schneedecke massiv und verhindern wirkungsvoll das gefürchtete Schneegleiten.21 Zudem bilden sie aufgrund ihres ausgeprägten mikroklimatischen vertikalen Temperatur- und Feuchtigkeitsgradienten ein außerordentlich wertvolles Habitat für eine Vielzahl von spezialisierten Destruenten (Pilze, holzzersetzende Insekten), was die Biodiversität im sonst oft artenarmen Bergwald massiv fördert.21 Zwar bietet ein durch das Sägeaggregat eines Harvesters (die gibt es für den Einsatz im Gebirgswald nicht nur mit Rädern, sondern auch mit Spinnenbeinen) glatt abgeschnittener Hochstumpf anfangs etwas weniger mikroklimatische Nischen als eine sturmbedingte, raue Bruchkante, jedoch gleicht sich dies im Laufe des rasanten Zersetzungsprozesses schnell aus.21 Die Pilze breiten ihr komplexes Myzel aus, Insekten dringen tief in das Holz ein, und der Stumpf wird weich und schwammig – er entwickelt sich zum perfekten Stoßdämpfer gegen Steinschlag.6
4.2 Alternative Borkenkäferbekämpfung: In-situ Entrindung statt Abtransport
Das historische Hauptargument für die vollständige Räumung von Windwurfflächen ist der angewandte Forstschutz – die absolute Prävention einer Borkenkäferkalamität.12 Doch dieser scheinbare Konflikt zwischen Waldhygiene und Schutzfunktion lässt sich heute technisch auflösen. Das Insekt benötigt für die Anlage seines Brutsystems zwingend den saftigen Bast (die nährstoffreiche Schicht zwischen Rinde und Holzkörper) frischer oder frisch abgestorbener Fichten.
Die elegante Lösung liegt in der mechanischen Zerstörung dieses Brutraumes, ohne das schwere Holz aus dem Wald zu transportieren. Mittels spezieller Motorsägenvorsatzgeräte (Schälgeräte, Rindenfräsen) oder durch speziell modifizierte Harvesteraggregate kann das Schadholz direkt auf der Schadfläche entrindet (geschält) beziehungsweise tief gefräst werden.12
Wird der Stamm flächig geschält oder mit der Motorsäge bis ins Splintholz geschlitzt, trocknet der lebenswichtige Bast rasant aus.30 Selbst wenn sich bereits Borkenkäfer (Mutterkäfer) eingebohrt und Eiablagen tief in den Rammelkammern getätigt haben, vertrocknen die Eier und Larven durch das abrupt fehlende Mikroklima und den sofortigen Nahrungsmangel unweigerlich.12 Das Holz verliert sofort seine biologische Eignung als Brutraum, wodurch die nächste Generation der Käferpopulation effektiv und ohne Einsatz von Insektiziden gestoppt wird.12
Der entscheidende Vorteil dieser Methode: Der schwere, massive Holzkörper verbleibt als unbezahlbarer Erosions-, Lawinen- und Steinschlagschutz auf der Fläche.28 Besonders in extrem steilen, schwer zugänglichen Schutzwäldern (sogenannten unbringbaren Lagen) ist das Entrinden und Belassen vor Ort (debarking) oft die einzig gangbare und wirtschaftlich sinnvolle Maßnahme.12 Für diese aufwendigen waldschutzwirksamen Aufarbeitungen werden in vielen Regionen spezielle Fördermittel bereitgestellt, da der volkswirtschaftliche Nutzen des verbleibenden Holzes den Aufwand bei Weitem übersteigt.28 Einzelne, bereits stark befallene und nicht mehr rettbare Bäume, bei denen der Käfer ohnehin schon ausgeflogen ist, können und sollten zudem als wertvolles Biotopholz völlig unbehandelt belassen werden.12
Hier muss angemerkt werden, dass im Mölltal viele Totalräumungen oft erst längere Zeit nach dem Absterben der Stämme erfolgten. Zum Zeitpunkt der Totalräumung waren die Käfer bereits wieder ausgeflogen!
4.3 Die Kraft der Natur nutzen: Pionierbaumarten und Vorwaldkonzepte
Dort, wo große Kahlflächen durch vergangene Fehler oder schiere Naturgewalt bereits entstanden sind, bietet die Natur ein eigenes, hochwirksames Heilungsprogramm an: die natürliche Sukzession durch robuste Pionierbaumarten. Arten wie die Sandbirke, die Salweide, die Grauerle, die Espe oder die Vogelbeere (Eberesche) produzieren Unmengen an extrem leichten, flugfähigen Samen. Sie besiedeln offene Rohböden nach Störungen extrem schnell und sind aufgrund ihrer spezifischen Pflanzenphysiologie stark spätfrostresistent (geringe Spätfrostempfindlichkeit).19
Diese in der traditionellen Forstwirtschaft oft als lästiges Unkraut verkannten und "unterschätzten Pioniere" wachsen rasant auf und bilden einen sogenannten schützenden Vorwald.19 Dieser lichte Pionierschirm ist der absolute waldbauliche Schlüssel zur erfolgreichen Sanierung einer Kahlfläche. Die lichten Kronen der Birken und Weiden wirken wie ein intelligenter Thermodeckel.19 Tagsüber spenden sie leichten Schatten, brechen die direkte Sonneneinstrahlung und reduzieren so die Verdunstung und die fatale Bodenüberhitzung massiv. In der Nacht reflektieren sie die langwellige Ausstrahlung des Bodens teilweise zurück und verhindern das extreme, plötzliche Absinken der Temperaturen in Kaltluftseen.19
Unter diesem schützenden, lockeren Schirm können dann die spätfrostempfindlichen Zielbaumarten der Klimaanpassung (Tanne, Buche) gefahrlos und stressfrei heranwachsen.19 Das Projekt Winalp21 betont genau dieses komplexe Zusammenspiel von Mikroklima und Baumartenwahl.5 Sobald die wertvollen Zielbaumarten im Unterstand etabliert sind und drohen, von den wuchskräftigen Pionieren zu stark beschattet oder verdämmt zu werden, kann der Vorwald durch gezielte, sanfte pflegerische Eingriffe langsam aufgelichtet werden.19 Das entnommene Holz kann dabei als Brennholz verwertet werden.19 Wer Pionierbäume auf alpinen Kahlflächen rigoros ausmäht und vernichtet, beraubt sich seines besten, natürlichsten und weitaus günstigsten Werkzeugs zur erfolgreichen Klimawandelanpassung.20
5. Fallstudie Kärntner Mölltal: Zäsur, finanzielle Kraftakte und waldbauliche Realität
Die vorangegangenen theoretischen Abhandlungen und wissenschaftlichen Erkenntnisse über Lawinendynamik, Mikroklima und Schutzwaldverlust finden in Oberkärnten, insbesondere im steilen Einzugsgebiet des Mölltals, eine dramatische und hochaktuelle praktische Entsprechung. Das Mölltal steht beispielhaft und stellvertretend für die gewaltigen logistischen und finanziellen Herausforderungen der alpinen Schutzwaldsanierung nach gehäuften Extremereignissen.
5.1 Die Katastrophenspirale: Von Vaia zur Borkenkäferplage
Der initiale Auslöser der gegenwärtigen prekären Situation im Mölltal war das extreme Sturmtief "Vaia", das Ende Oktober 2018 über die Alpen hinwegfegte. Mit orkanartigen Böen schlug Vaia eine Schneise der Verwüstung durch die Alpensüdseite.7 Allein in Kärnten wurde das Schadausmaß kurz nach dem Sturm auf fast 5 Millionen Euro im ländlichen Wegenetz und bis zu 11 Millionen Euro bei Forststraßen beziffert.35 Rund 200.000 Festmeter Schadholz fielen durch gigantischen Windwurf und Schneebruch an.10 Das untere Mölltal, aber auch spezielle Gebiete wie der Revierteil Teuchl oder die Gemeinde Großkirchheim (wo extreme Niederschläge von 385 mm zusätzlich massive Schäden anrichteten), waren extrem betroffen und teils wochenlang von der Außenwelt abgeschnitten.7
Dieser gigantische, kaum zu bewältigende Holzanfall bildete das Epizentrum für eine unmittelbar darauffolgende Sekundärkatastrophe. Der massiv vorhandene, saftige Brutraum auf den undurchdringlichen Windwurfflächen führte zu einer explosionsartigen, exponentiellen Vermehrung des Borkenkäfers in den darauffolgenden, teils extrem trockenen Jahren.8 Die lokalen Waldbesitzer, in der Regel Bauern und Privatpersonen, standen vor schier unlösbaren Problemen. Wie aus der Region berichtet wird, gibt es in weiten Teilen des Mölltals kaum noch reguläre, planmäßige Holznutzung; die gesamte maschinelle und personelle Kapazität wird ausschließlich durch die Aufarbeitung von Schadholz gebunden.11 Das alpine Gelände ist extrem steil, was die seilunterstützte Bringung extrem teuer und lebensgefährlich macht. Ein kostendeckendes Arbeiten ist für die Eigentümer oft völlig unmöglich geworden.11
5.2 Die fatale Entstehung der Kahlflächen im Mölltal
Unter dem immensen, oft von Behördenseite verordneten Druck, den Borkenkäfer an der weiteren Ausbreitung in noch intakte, lebenswichtige Schutzwaldbestände oberhalb der Dörfer zu hindern, wurde in den Jahren nach Vaia weitflächig und rigoros geräumt. Das Ergebnis dieser verzweifelten Bemühungen, gepaart mit dem direkten Absterben ganzer Bergflanken durch den massiven Käferfraß, sind heute prägende, fast apokalyptische Landschaftsbilder: riesige, vollständig geräumte, baumlose Kahlflächen an den extremen Steilhängen des Mölltals.11
Diese Flächen weisen nun in der Realität exakt jene Defizite auf, die vorangehend wissenschaftlich beschrieben wurden. An den hoch gelegenen, intensiv bestrahlten Sonnenseiten verzögert sich die natürliche Wiederbewaldung (Naturverjüngung) enorm bis hin zum völligen Stillstand. Das Mikroklima ist unwirtlich, geprägt von Austrocknung und Frost, die lebenswichtige Oberflächenrauhigkeit wurde durch den Abtransport des Käferholzes drastisch reduziert, und das spärlich auflaufende junge Grün leidet im harten Winter zusätzlich unter extrem starkem Wildverbiss.11 Zwar zeigt sich in schattigen Gunstlagen an den Nordhängen bereits wieder zarter Anwuchs 11, doch die absolut kritischen Schutzwaldzonen direkt oberhalb von Siedlungen und Verkehrsadern im Mölltal sind in ihrer systemischen Funktion massiv kompromittiert.
5.3 Millioneninvestitionen und das Dilemma der Aufforstung
Die weitreichende Tragweite dieser Entwicklung hat die öffentliche Hand und private Initiativen schließlich zum massiven Handeln gezwungen. Um die betroffenen Menschen, Siedlungen und essenziellen Verkehrswege im Mölltal langfristig vor Muren, unkontrollierten Lawinen und Steinschlag zu schützen, hat die Kärntner Landesregierung ein gewaltiges Investitionspaket in der Höhe von sechs Millionen Euro beschlossen.9 Diese enormen Bundes- und Landesmittel aus dem Waldfonds sind zwingend und dringend nötig, um die immensen, für private Eigentümer nicht tragbaren Kosten der Wiederaufforstung und der Anlage neuer, klimafitter Wälder abzufedern.39
Zusätzlich engagieren sich große private Initiativen, wie beispielhaft jene der Helvetia Versicherung in enger Kooperation mit den Österreichischen Bundesforsten (ÖBf). Nach einer ersten Soforthilfe von 25.000 Bäumen direkt nach dem Trauma des Sturms Vaia 2018 wurden zum zehnjährigen Jubiläum der Initiative (die insgesamt bereits 145.000 Jungbäume österreichweit pflanzte) weitere 10.000 Jungbäume spezifisch in der Region Mölltal, vorwiegend im schwer gezeichneten Revier Teuchl, in die Erde gebracht.7 Bei diesen Pflanzungen wird forstfachlich korrekt bewusst auf einen zukunftsfähigen, resilienten Mix gesetzt: Es werden klimafitte Baumarten wie Weißtanne, europäische Lärche und Bergahorn in den exponierten Steillagen ausgebracht.7
Hier schließt sich jedoch in der Praxis der waldbauliche Kreis zum zentralen, ungelösten Problem dieses Berichts: Die Akteure pflanzen extrem spätfrostempfindliche Tannen und Ahorne (wie in Tabelle 2 detailliert dargelegt) auf großteils völlig kahle, mikroklimatisch extreme, geräumte Steilhänge.7 Der absolute Mangel an belassenem, schützendem Totholz, der fehlende, rettende Vorwald aus Birken oder Ebereschen und das extrem hohe Risiko von unsichtbaren Kaltluftseen in den abflusslosen Senken des Mölltals machen diese millionenschweren, gut gemeinten Aufforstungsbemühungen zu einem fachlich extrem anspruchsvollen, hochriskanten Unterfangen. Ohne ein konsequentes, begleitendes Mikroklima-Management und den intelligenten, geförderten Einsatz von schattenspendenden Pionierbaumarten drohen auf diesen unwirtlichen Flächen weiterhin extrem hohe Ausfallsraten durch sommerliche Austrocknung und tödliche Spätfröste im Frühjahr.19
6. Synthese und waldbaulicher Ausblick
Die tiefgreifende wissenschaftliche und praktische Analyse der physikalischen, meteorologischen und waldbaulichen Prozesse zeigt unmissverständlich, dass die vollständige, phytosanitäre Räumung (Totalräumung) von Störungsflächen im inneralpinen Gebirgsschutzwald ein folgenschwerer konzeptioneller Fehler der Vergangenheit ist. Sie vernichtet die residuale Oberflächenrauhigkeit, potenziert die unmittelbare Gefahr von Lawinenabgängen und rasantem Steinschlag 6, und verschiebt das empfindliche mikroklimatische Gefüge in Extreme, die eine natürliche oder künstliche Verjüngung mit spätfrostempfindlichen, klimafitten Baumarten nahezu unmöglich machen.19 Moderne Forstschutzstrategien im Alpenraum müssen stattdessen zwingend auf differenziertes Totholzbelassen, die Schaffung von Hochstümpfen und vor allem auf In-situ-Entrindungstechniken (Schälen im Bestand) setzen, um den Borkenkäfer zu kontrollieren, ohne die essenzielle physikalische Schutzfunktion des Waldes abzutragen.12
Dennoch dürfen und können wir die Augen vor der aktuellen Realität nicht verschließen. Die forstliche Praxis der letzten Krisenjahre, getrieben von extremen Katastrophenereignissen wie Vaia und massiver, flächiger Käferkalamität 7, hat weitreichende Fakten geschaffen. Im Kärntner Mölltal, einem der am stärksten betroffenen Täler Österreichs, dominieren gegenwärtig exakt diese nicht optimal vorbehandelten, riesigen, mikroklimatisch extremen Kahlflächen.11 Millionenbeträge fließen nun in die zwingend notwendige Wiederaufforstung dieser gefährlichen Hänge.40
Dies wirft eine entscheidende, hochkomplexe Praxisfrage auf, die jeden Förster und Waldbesitzer in der Region umtreibt: Wenn das mikroklimatische Kind bereits mit dem Bade ausgeschüttet wurde, die schützende Biomasse restlos fehlt und die Fläche den Elementen schutzlos ausgeliefert ist – wie können diese extrem ungünstigen Kahlflächen im Mölltal dennoch erfolgreich, wirtschaftlich und vor allem nachhaltig mit den dringend benötigten klimafitten Arten wie Tanne, Buche und Bergahorn aufgeforstet werden?
Genau diesem essenziellen Thema widmen wir uns in einem der nächsten Beiträge auf www.wald1.at. Wir werden dort detailliert und praxisnah beleuchten, mit welchen innovativen, standortangepassten Pflanztechniken, cleveren Vorwald-Konzepten unter Einbindung robuster Pionierbäume und speziellen mechanischen Schutzmaßnahmen es gelingen kann, auf den extremen, suboptimal vorbereiteten Freiflächen des Mölltals wieder einen stabilen, schützenden und klimafitten Mischwald für die kommenden Generationen heranzuziehen.
Referenzen
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- Steinschlag - WLV - Verein der Akademiker:innen der Wildbach- und Lawinenverbauung Österreichs, Zugriff am Juni 6, 2026, https://www.wlv-austria.at/images/download/Heft_187_Steinschlag_06_2021.pdf
- Handlungsanleitung – Optimierung der hydrologischen Wirkung von Schutzwäldern - BFW, Zugriff am Juni 6, 2026, https://www.bfw.gv.at/wp-content/uploads/BFW_Handlungsanleitung_Optimierung_hydrologischer_Wirkung_Schutzwaeldern_2020.pdf
- Schutzwaldpflege im Klimawandel - Fachstelle Gebirgswaldpflege, Zugriff am Juni 6, 2026, https://www.gebirgswald.ch/files/gebirgswald/de/01_Dokumente_GWP/Praxishilfe%20Klimawandel/praxishilfe_swpflege-kliwa_1.0_d_web.pdf
- Wie wird der Wald klimafit? — Wissenschaft trifft Praxis - Schutzwald.at, Zugriff am Juni 6, 2026, https://www.schutzwald.at/service/news/wissen/2025/wie-wird-der-wald-klimafit-wissenschaft-trifft-praxis.html
- 200 Steine in 12 Tagen - Eidg. Forschungsanstalt WSL, Zugriff am Juni 6, 2026, https://www.wsl.ch/de/news/200-steine-in-12-tagen/
- 10 Jahre Helvetia Schutzwald-Engagement und 35.000 Jungbäume für Kärntner Mölltal, Zugriff am Juni 6, 2026, https://www.youtube.com/watch?v=HxvATayDI8g
- mm-schutzwald-kaernten-2023.pdf - Helvetia Baloise Gruppe, Zugriff am Juni 6, 2026, https://www.helvetia.com/content/dam/os/at/web/presse/aussendungen/mm-schutzwald-kaernten-2023.pdf
- Sturm Vaia - Thema auf meinbezirk.at, Zugriff am Juni 6, 2026, https://www.meinbezirk.at/tag/sturm-vaia
- Unwetter im Alpen-Adria-Raum im Herbst 2018 - Wikipedia, Zugriff am Juni 6, 2026, https://de.wikipedia.org/wiki/Unwetter_im_Alpen-Adria-Raum_im_Herbst_2018
- Wasser, Wild und Klimawandel – Idylle und Realität im Mölltal Wer hier Waldflächen sein Eigen nennt, ist automatisch Schutz - Waldwissen.net, Zugriff am Juni 6, 2026, https://www.waldwissen.net/assets/waldwirtschaft/waldbau/bergwald/bfw_wasser_wald_klimawandel/Wasser_Wald_und_Klimawandel.pdf
- BORKENKÄFER! - Alpine Nature Campus, Zugriff am Juni 6, 2026, https://www.alpine-nature-campus.com/wp-content/uploads/2021/10/KLAR-Forstschutzmassnahmen-Borkenkaefer-komplett.pdf
- Amt für Wald des Kantons Bern - Der Borkenkäfer, Zugriff am Juni 6, 2026, https://www.gemeinde-grindelwald.ch/wp-content/uploads/2023/01/Waldbesitzer-innen_Flyer_Borkenkaefer.pdf
- Schützen Windwurfflächen vor Lawinen und Steinschlag? - Waldwissen.net, Zugriff am Juni 6, 2026, https://www.waldwissen.net/assets/technik/naturgefahren/wsl_schutzfunktion_windwurf/download/wsl_schutzfunktion_windwurf_originalartikel.pdf.pdf
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- Die Schutzfunktion in Windwurfflächen - Waldwissen.net, Zugriff am Juni 6, 2026, https://www.waldwissen.net/de/lebensraum-wald/schutzfunktion/schutzfunktion-nach-windwurf
- Information - BFW, Zugriff am Juni 6, 2026, https://bfw.ac.at/040/pdf/1818_pi8.pdf
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- Nach den Wetterextremen: Forststraßen und ländliches Wegenetz: über 15 Millionen Euro Schaden - Kärnten - MeinBezirk.at, Zugriff am Juni 6, 2026, https://www.meinbezirk.at/kaernten/c-lokales/forststrassen-und-laendliches-wegenetz-ueber-15-millionen-euro-schaden_a3773319
- Mischwald - Thema auf meinbezirk.at, Zugriff am Juni 6, 2026, https://www.meinbezirk.at/tag/mischwald
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- Rückgang des Borkenkäfers: Aufforstung im Mölltal kann beginnen - Spittal - MeinBezirk.at, Zugriff am Juni 6, 2026, https://www.meinbezirk.at/spittal/c-lokales/aufforstung-im-moelltal-kann-beginnen_a8542933
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- Nach massiven Schäden: Sechs Millionen Euro für mehr Sicherheit im Mölltal - Spittal, Zugriff am Juni 6, 2026, https://www.meinbezirk.at/spittal/c-lokales/sechs-millionen-euro-fuer-mehr-sicherheit-im-moelltal_a8672247
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- 6 Millionen für Schutzwald im Mölltal | dolomitenstadt, Zugriff am Juni 6, 2026, https://www.dolomitenstadt.at/2026/06/04/6-millionen-fuer-schutzwald-im-moelltal/