Systemanalyse des Wildtiermanagements und der Schutzwaldsanierung im alpinen Raum: Ökologische Raumnutzung des Rotwilds, Jagdstrategien und fiskalische Implikationen im Kärntner Mölltal und dem Nationalpark Hohe Tauern
1. Einleitung und Problemstellung im Kontext alpiner Ökosysteme
Die Wechselwirkungen zwischen Wildtierökologie, Forstwirtschaft, traditioneller Jagdausübung und modernem, prozessorientiertem Naturschutz im alpinen Raum stellen eine der komplexesten, interdisziplinären Herausforderungen für das kontemporäre Landschaftsmanagement dar. Im absoluten Zentrum dieser systemischen Spannungen steht geografisch und politisch das Kärntner Mölltal, welches unmittelbar in die Randzonen und Kerngebiete des Nationalparks Hohe Tauern eingebettet ist. Die Region ist gegenwärtig geprägt von massiven, klimainduzierten forstlichen Herausforderungen. Insbesondere die Notwendigkeit zur großflächigen Sanierung essenzieller Schutzwälder nach verheerenden Kalamitäten durch Windwürfe, Trockenstress und die darauffolgenden Massenvermehrungen des Buchdruckers (Borkenkäfer) zwingt die öffentliche Hand zu präzedenzlosen Investitionen in die Wiederbewaldung.1
Gleichzeitig beherbergt diese Region außerordentlich große Populationen an Schalenwild, wobei das Rotwild (Cervus elaphus) aufgrund seiner Körpermasse, seines Nahrungsbedarfs und seiner extrem expansiven Raumansprüche die dominierende Rolle einnimmt. Die natürliche und teilweise anthropogen überprägte Raumnutzung sowie das spezifische Fraßverhalten dieser Spezies stehen in einem direkten, teils unlösbar scheinenden Konflikt mit den verzweifelten Bemühungen der Forstwirtschaft, auf den entstandenen Schadflächen eine klimafitte Wiederbewaldung zu etablieren.1
Dieser Bericht liefert eine tiefgreifende, evidenzbasierte Analyse der Raumnutzung des Rotwilds in den Hohen Tauern, unter besonderer und detaillierter Berücksichtigung der jahreszeitlichen Wanderungen, der Habitatwahl und des Tag-Nacht-Rhythmus. Diese spezifisch wildökologischen Erkenntnisse, gestützt auf umfassende Telemetriedaten, werden dem traditionellen Kärntner Reviersystem, wie es im kleinstrukturierten Mölltal vorherrscht, analytisch gegenübergestellt. In logischer Konsequenz dieser Gegenüberstellung wird die gesetzliche Haftungsfrage für Wildschäden nach den Bestimmungen des Kärntner Jagdgesetzes (K-JG) detailliert beleuchtet und auf ihre systemische Fairness im Angesicht überregionaler Wildwanderungen geprüft.
Ein absolut zentraler Schwerpunkt dieser Abhandlung liegt auf der kritischen Evaluierung der gigantischen, über 25.000 Hektar großen, vom Nationalpark Hohe Tauern jagdlich verwalteten Flächen.4 Diese weitreichend un- oder stark unterbejagten Zonen werfen fundamentale gesellschaftspolitische, ökologische und vor allem ökonomische Fragen auf. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund, dass die öffentliche Hand (und somit der Steuerzahler) gleichzeitig gezwungen ist, im direkt angrenzenden Mölltal extrem teure, von der öffentlichen Hand mit bis zu 100 Prozent geförderte Aufforstungsprojekte zu finanzieren, die durch den stetig anwachsenden Wilddruck aus dem Nationalpark massiv in ihrer Existenz gefährdet werden.5
Abschließend werden wildbiologisch fundierte, strategische Jagdansätze – explizit die Fokussierung auf die Sommerjagd auf Kahl- und Jungwild zur effektiven Bestandsreduktion – als zwingende Regulierungsmechanismen erörtert. Diese Notwendigkeiten werden in den breiteren Kontext der öffentlichen Steuergeldverwendung gestellt, um eine finale, abwägende Synthese zwischen den unabdingbaren Notwendigkeiten der alpinen Schutzwaldsanierung und den unbestrittenen Werten des internationalen Naturschutzes zu formen.
2. Historische und strukturelle Entwicklung der Jagd in den Hohen Tauern
Um die gegenwärtigen Konflikte im Mölltal vollumfänglich begreifen zu können, ist eine präzise Rekonstruktion der historischen und jagdstrukturellen Entwicklung des Nationalparks Hohe Tauern unerlässlich. Die Entstehung des Schutzgebietes war von Beginn an mit der Frage konfrontiert, wie traditionelle Jagdausübung mit den strengen, prozessorientierten Schutzzielen eines Nationalparks vereinbart werden kann.
2.1. Die Pacht der Lassacher Alpe und der Paradigmenwechsel
Ein historischer Wendepunkt, der die Blaupause für das heutige Wildtiermanagement im Nationalpark Hohe Tauern lieferte, ereignete sich am 2. Dezember 1990. Zu diesem Zeitpunkt befand sich die Agrargemeinschaft Nachbarschaft Lassach auf der Suche nach einem neuen Jagdpächter für das über 2.265 Hektar große Hochgebirgsrevier "Lassacher Alpe" im Mallnitzer Seebachtal.7 Da vonseiten der Landespolitik in Kärnten zunächst keine Lösung für eine öffentliche Anpachtung gefunden werden konnte, trat der WWF Österreich auf den Plan. In einem für die damalige Zeit revolutionären Schritt pachtete die Naturschutzorganisation unter ihrem damaligen Präsidenten Gustav Harmer das Jagdrecht für einen Pachtschilling von 400.000 österreichischen Schilling (umgerechnet rund 29.069 Euro) für eine Dauer von zunächst zehn Jahren an.7
Dieser Akt markierte den bewussten Übergang von der klassischen, oftmals trophäenorientierten Jagd hin zu einem expliziten Wildtiermanagement. Anfängliche Diskussionen waren von massiven Befürchtungen der lokalen Bevölkerung und Jägerschaft geprägt, was sich in medialen Schlagzeilen wie "Jagd vorbei im Nationalpark" manifestierte.7 Jedoch bildete diese erste Pacht den Grundstein für eine strategische Expansion. In den darauffolgenden Dekaden erweiterte der Nationalparkfonds Kärnten seine Einflusssphäre systematisch, sodass heute 26 Jagdreviere mit einer aggregierten Fläche von knapp 25.000 Hektar vom Nationalpark jagdlich verwaltet werden.4
2.2. IUCN-Richtlinien und der Prozessschutz als oberstes Diktat
Die treibende Kraft hinter dieser massiven Flächenanpachtung war und ist das Streben nach und die Erhaltung der internationalen Anerkennung als Nationalpark der Kategorie II durch die International Union for Conservation of Nature (IUCN). Die strengen Leitlinien der IUCN, die auch in der österreichischen Nationalparkstrategie 2020+ verankert sind, determinieren, dass auf mindestens 75 Prozent der Kernzone eines Nationalparks eine völlige wirtschaftliche Außernutzungstellung erfolgen muss.3 Das primäre Schutzziel in diesen Zonen ist der sogenannte Prozessschutz, welcher definiert wird als das "ergebnisoffene Zulassen der autogenen dynamischen Abläufe in eingriffsfreien Ökosystemen".9
Für das Schalenwildmanagement bedeutet dieser Paradigmenwechsel eine drastische Reduktion jeglicher menschlicher Intervention. Nichtregierungsorganisationen wie der WWF fordern in ihren Novellierungsvorschlägen für das Jagdübereinkommen des Nationalparks unmissverständlich, dass jagdliche Eingriffe auf ein absolutes Minimum zu reduzieren sind und sich ausschließlich auf Schalenwild beschränken dürfen, sofern dies aus zwingenden biologischen oder wildseuchenhygienischen Gründen unerlässlich ist.9 Die künstliche Förderung der Biodiversität durch jagdliche Lenkungsmaßnahmen wird von strikten Naturschützern als diametral entgegenstehend zum Prozessschutz abgelehnt, da in einer echten Kernzone die Natur ihre eigenen Gleichgewichte (oder auch temporären Ungleichgewichte) finden muss.9
Vielmehr wird gefordert, dass die natürliche Regulation des Rotwilds perspektivisch durch die selbstständige Rückkehr ökologischer Schlüsselarten – namentlich der großen Prädatoren wie Wolf (Canis lupus), Braunbär (Ursus arctos) und Luchs (Lynx lynx) – sowie durch asiatische Einwanderer wie den Goldschakal übernommen werden soll.9 Das langfristige Ziel des Nationalparks ist somit die Etablierung einer ungestörten Prädatoren-Beute-Interaktion, bei der der Mensch als Regulator obsolet wird. Bis dieser Zustand einer natürlichen Top-Down-Regulation jedoch durch eine ausreichend dichte Prädatorenpopulation erreicht ist, fungieren die 25.000 Hektar jagdlich beruhigter Fläche de facto als gigantischer, ungestörter Reproduktionsraum für das Rotwild, was die Grundlage für die massiven Abwanderungen in die Täler bildet.
3. Verhaltensökologie und Raumnutzung des Rotwilds: Evidenz aus Telemetriestudien
Die Raum-Zeit-Dynamik des Rotwilds ist der biologische Schlüsselfaktor für das fundamentale Verständnis der eskalierenden Wald-Wild-Konflikte im Mölltal. Um evidenzbasierte Managemententscheidungen treffen zu können, initiierte der Nationalpark Hohe Tauern in Zusammenarbeit mit wildbiologischen Instituten umfangreiche Langzeit-Telemetriestudien, die durch modernste GPS-GSM-Halsbandsender präzise, hochauflösende räumliche Daten lieferten.
3.1. Methodik und räumliche Verteilung im Sommereinstand
Die Erhebungen, deren intensivste Phasen in den Perioden von Anfang 2013 bis Ende 2015 sowie von Juli 2014 bis Dezember 2017 stattfanden, konzentrierten sich primär auf das Mallnitzer Seebachtal und die dortige Lassacher Alpe.10 Der Startpunkt des Forschungsprojektes war der aufwendige Bau einer Lebendfalle im hochalpinen Revier, um Tiere schonend fangen und besendern zu können.11
Die Auswertung von Hunderttausenden von GPS-Datenpunkten offenbarte ein klares Bild der sommerlichen Habitatnutzung. Ein Großteil der Rotwildpopulation nutzt die hochalpinen Lagen innerhalb der Nationalparkgrenzen als primären Sommereinstand.11 Die detaillierte Raumanalyse zeigte, dass sich die meisten besenderten Tiere stark um historische Infrastrukturpunkte (wie ehemalige Schaufütterungen) konzentrierten, wobei sie sich tendenziell in südliche Richtungen bewegten.12 Der bevorzugte Aufenthaltsraum (die Zonen, in denen sich 60 Prozent der intensivsten Nutzung abspielten) fand sich im sensiblen Waldgrenzbereich.12
Interessanterweise zeigten die Daten auch geschlechtsspezifische Unterschiede in der Mikronutzung des alpinen Habitats. So verließen einige dreijährige Hirsche das unmittelbare Umfeld des Seebachtals und etablierten dauerhafte, exponierte Sommereinstände weit oberhalb der Waldgrenze, teilweise in benachbarten Tähern wie dem Untersulzbachtal, während das weibliche Wild (Kahlwild) stärkere Standorttreue im Bereich der Waldgrenze und der Talflanken (z.B. am Habachtal West- und Osthang) zeigte.12 Diese Erkenntnisse unterstreichen den unschätzbaren Wert der Nationalparkflächen als ungestörte Sommerrefugien, bestätigen aber gleichzeitig, dass das Revier von der Gesamtpopulation tatsächlich nur saisonal genutzt wird.
3.2. Jahreszeitliche Migrationskorridore und Varianzen
Die Brisanz der Telemetriedaten entfaltet sich in der Analyse der jahreszeitlichen Wanderungen (Migration). Rotwild in alpinen Habitaten unterliegt einem enormen evolutionären Druck, der Jahreszeitenspur zu folgen, um den harschen Winterbedingungen im Hochgebirge zu entkommen.13 Wenn im Herbst der erste Schnee in den Hohen Tauern fällt, verändert sich die energetische Bilanz der Tiere drastisch, was den Abzug in tiefergelegene Regionen erzwingt.
Der zeitliche Ablauf dieser Migration ist bemerkenswert asynchron. Bereits im September beginnen die reifen Hirsche ihre Wanderung und verlassen die hochalpinen Sommereinstände, um zu den traditionellen Brunftplätzen in den Vorwäldern und Seitentälern zu ziehen.14 Das weibliche Wild und die Kälber verbleiben deutlich länger in den Schutzgebieten des Nationalparks. Erst ab November, getrieben durch sinkende Temperaturen und schwindende Äsung, beginnt das Kahlwild seine zielgerichtete Migration in die Wintereinstandsgebiete, die tief im Mölltal und bis hinaus in den Raum des Lurnfeldes liegen.14 Im darauffolgenden April, wenn die Schneeschmelze im Gebirge einsetzt und frische alpine Äsung verfügbar wird, vollzieht sich die Rückwanderung in die Nationalparkreviere.14
Was die Telemetriestudien besonders wertvoll macht, ist die Aufdeckung der extremen individuellen Varianzen in der Raumnutzung. Die Population agiert nicht als homogene Masse, sondern zeigt faszinierende Verhaltensplastizität. Diese lässt sich in drei primäre Migrations- und Raumnutzungstypen klassifizieren, die tiefgreifende Implikationen für das Mölltal haben:
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Migrations- und Raumnutzungstyp |
Telemetrisch belegte Charakteristika |
Ökologische und jagdliche Implikationen für das Kärntner Reviersystem |
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Lokalisierte, kleinräumige Sommernutzung |
Besenderte Tiere zeigten einen extrem geringen Aktionsradius und verbrachten den gesamten Sommer auf einer Fläche von lediglich 300 bis 400 Hektar, beispielhaft im Bereich Teuchl-Penk. |
Solche Individuen üben einen stark konzentrierten, lokalen Verbissdruck aus. Sie sind jedoch theoretisch durch lokales Jagdmanagement in Kleinstrevieren erreichbar, sofern sie nicht innerhalb des jagdfreien Nationalparks stehen. |
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Extensive, transregionale Distanzwanderung |
Ein besenderter Hirsch durchstreifte ein gewaltiges Areal von rund 13.000 Hektar, wobei seine Wanderroute vom Mölltal (Kärnten) bis weit nach Osttirol reichte. |
Dieser Typus beweist die revierübergreifende Natur des alpinen Rotwilds und sorgt für genetischen Austausch. Gleichzeitig demonstriert er, dass kleinteilige, an Reviergrenzen orientierte Abschusspläne bei solchen Distanzwanderern völlig ins Leere laufen. |
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Hochgeschwindigkeits-Migration |
Ein per Telemetrie überwachtes Tier absolvierte den kompletten, kilometerweiten Wechsel zwischen dem alpinen Sommereinstand und dem tiefen Wintereinstand in einem Zeitraum von nur zwei Tagen. |
Diese rasante Transitphase lässt den Jägern in den dazwischenliegenden Revieren ein extrem kurzes, faktisch unnutzbares Zeitfenster, um regulierend auf wanderndes Kahlwild einzugreifen. |
Die Ursachen dafür, warum bestimmte Individuen weite Strecken wandern (Zugwild) und andere eine stärkere Standorttreue aufweisen (Standwild), sind multikausal. Wildbiologische Analysen der Telemetriedaten, die auch mit Daten aus dem Bayerischen Wald oder Norwegen verglichen werden, zeigen, dass primär drei abiotische Faktoren diese Entscheidungen determinieren: die Hangneigung, die absolute Schneelage und der relative Waldanteil im Habitat.13 Während die Schneelage direkt die Fortbewegung und Erreichbarkeit von Bodenäsung limitiert, erzwingen extreme Hangneigungen in Kombination mit Schnee oft ein rasches Abrücken in flachere Talböden (wie das Mölltal), da die Lawinengefahr und der Energieaufwand für die Fortbewegung am Hang für das Wild in keinem Verhältnis zur Energiezufuhr stehen.13
4. Chronobiologie und Feindvermeidung: Der Tag-Nacht-Rhythmus im Spannungsfeld der Bejagung
Neben der großräumigen räumlichen Dynamik liefert das Verhalten der Tiere auf der Mikro-Zeitachse, dem Tag-Nacht-Rhythmus, essenzielle Erklärungsansätze für die Wald-Wild-Konflikte im Mölltal. Die Chronobiologie von Wildtieren ist das Resultat jahrmillionenlanger evolutionärer Anpassungen.
4.1. Evolutionäre Steuerung und die Natur des "Tagwilds"
Der Tag-Nacht-Rhythmus und insbesondere die im Jahresverlauf fluktuierende Tageslänge (Photoperiode) sind die mächtigsten Signalgeber in der Natur. Sie steuern die tiefsten physiologischen Prozesse aller Lebewesen, beim Rotwild etwa den Fellwechsel, den Aufbau von Fettreserven für den Winter und den hormonalen Start der herbstlichen Brunft.13 Die saisonal wechselnden Lebensbedingungen in den Alpen sind zwar gewaltig, aber vorhersehbar, weshalb sich die Tiere physiologisch präzise darauf vorbereiten können.13
Von seiner evolutionären Veranlagung her ist das Rotwild keine rein nachtaktive Spezies, sondern vielmehr tag- bis dämmerungsaktiv. Es ist primär ein Tier der lichten Waldgrenzbereiche und offenen Äsungsflächen. Dass das Rotwild in vielen Teilen Mitteleuropas heute als heimliches, fast ausschließlich nachts agierendes "Gespenst des Waldes" wahrgenommen wird, ist keine natürliche Eigenschaft, sondern eine konditionierte Feindvermeidungsstrategie. Diese Verhaltensanpassung wird durch permanenten anthropogenen Druck, Freizeitnutzung und vor allem durch unkoordinierte, stetige Bejagung induziert.
4.2. Beobachtungen in den jagdlichen Ruhezonen des Nationalparks
Die Beobachtungen in den 25.000 Hektar umfassenden Nationalparkrevieren, insbesondere im Seebachtal, bestätigen diese wildbiologische Prämisse eindrucksvoll. Da die Jagd in diesen ausgedehnten Kernzonen entweder gänzlich ruht oder sich auf extrem seltene, gut geplante Managementeingriffe beschränkt, lernt das Wild rasch, wo sich diese sicheren Zonen befinden.15
In diesen großen Ruhezonen verliert das Rotwild seine unnatürliche Scheu und nimmt sein ursprüngliches Verhalten wieder auf: Es wird wieder zum Tagwild.14 Die Tiere treten bereits bei vollem Tageslicht auf die offenen Freiflächen und Almen aus, äsen ungestört und bieten den Nationalparkbesuchern exzellente Möglichkeiten zur Naturbeobachtung.14 Der Stresslevel der Tiere sinkt dramatisch, was paradoxerweise dazu führt, dass sich der Verbissdruck pro Individuum auf die Waldvegetation verringert, da die Nahrungsaufnahme in Ruhe und bevorzugt auf den nährstoffreichen Freiflächen (Gräser, Kräuter) stattfindet, anstatt hastig und versteckt im geschlossenen Waldbestand.
4.3. Der Kontrast in den Wintereinständen des Mölltals
Dieses harmonische Bild des entspannten Tagwilds im Sommer verkehrt sich jedoch ins genaue Gegenteil, sobald die Tiere im November, getrieben vom Schnee, ihre Migration in die Wintereinstände des Mölltals antreten. Hier treffen sie auf eine kleinstrukturierte, intensiv genutzte Kulturlandschaft und eine völlig andere Jagdstruktur.
Aufgrund der hohen Dichte an Infrastruktur, des geringen Platzangebotes und des oft permanenten Jagddrucks (auch im Rahmen von Wildschadensabwehr) schaltet das Wild sofort wieder in den Modus der Nachtaktivität um. Die Tiere verbringen den Tag tief verborgen in den dichten (und oft ohnehin schon gestressten) Wäldern, wo sie, bedingt durch den Mangel an zugänglicher Bodenäsung im Winter, dazu gezwungen sind, sich von Knospen (Verbiss) und Baumrinde (Schälen) zu ernähren.3 Diese erzwungene Nachtaktivität im Wintereinstand macht es den lokalen Jägern im Mölltal doppelt schwer, regulierend einzugreifen, da die Tiere tagsüber unsichtbar bleiben und Nachtjagden auf Rotwild aus wildbiologischen und rechtlichen Gründen oftmals strengen Restriktionen unterliegen oder gänzlich abgelehnt werden.16
5. Systemgegensatz: Das Kärntner Reviersystem versus Großflächenmanagement im Nationalpark
Die beschriebenen Verhaltensmuster und Raumansprüche des Rotwilds prallen im Kärntner Mölltal auf ein administratives und juristisches Konstrukt der Jagdverwaltung, das diesen biologischen Realitäten kaum gewachsen ist. Hier manifestiert sich ein eklatanter Systemgegensatz zwischen dem traditionellen, dezentralen Reviersystem und dem zentralisierten Großflächenmanagement des Nationalparks.
5.1. Struktur und Schwächen des Kärntner Reviersystems
Das Jagdrecht in Österreich, und spezifisch auch im Bundesland Kärnten, ist untrennbar mit dem Eigentum an Grund und Boden verbunden (Revierjagdsystem).17 Gemäß § 2 Abs. 1 und 2 des Kärntner Jagdgesetzes (K-JG) wird das Jagdausübungsrecht entweder als Eigenjagd (ab einer gewissen, gesetzlich definierten zusammenhängenden Mindestfläche, typischerweise 115 Hektar im Gebirge) durch den Grundeigentümer ausgeübt, oder, falls die Flächen zu klein sind, zu Gemeindejagdgebieten zusammengefasst und durch die Gemeinde verpachtet.18
Historisch und topografisch bedingt hat dieses Gesetzbuch im Mölltal zu einer starken Fragmentierung der Landschaft in eine Vielzahl von relativ kleinen, in privater oder genossenschaftlicher Hand (Agrargemeinschaften) befindlichen Jagdrevieren geführt. Die Pächter oder Eigenjagdberechtigten dieser Flächen bewirtschaften das Wild auf einer räumlichen Skala von oft nur wenigen hundert Hektar.
Wenn man diese administrative Kleinteiligkeit den Telemetriedaten gegenüberstellt, die belegen, dass ein einziger Rothirsch ein Areal von 13.000 Hektar durchstreift 14 und das Kahlwild innerhalb von zwei Tagen Reviergrenzen pulverisiert 14, wird die strukturelle Ohnmacht des Kärntner Reviersystems offensichtlich. Die einzelnen Jagdausübungsberechtigten im Mölltal haben de facto keine Möglichkeit eines systematischen Populationsmanagements. Sie sind lediglich passive Rezipienten einer wilddemografischen Entwicklung, die außerhalb ihres Einflussbereiches – nämlich in den weitläufigen, 25.000 Hektar großen Rückzugsgebieten des Nationalparks – generiert wird.4
5.2. Spannungen und der Vorwurf der "Rotwildzucht"
Diese Diskrepanz in der Raumskala führt zu massiven sozialen und jagdpolitischen Spannungen in der Talschaft, insbesondere im oberen Mölltal. Die Vertreter der Agrargemeinschaften und privaten Forstbetriebe sehen sich einer Übermacht an aus dem Schutzgebiet einströmendem Wild ausgesetzt. In hitzigen Diskussionen und Arbeitskreisen (beispielsweise im Raum Obervellach) wird dem Nationalpark offenkundig die Alleinschuld für die eskalierende Wildschadensproblematik zugewiesen.3
Aus der Perspektive der talansässigen Bevölkerung betreibt der Nationalpark auf seinen gigantischen, nicht bejagten Flächen eine unkontrollierte "Rotwildzucht".3 Da das Seebachtal und die Lassacher Alpe vom Wild primär als Sommereinstand genutzt werden, fordern Teile der Jägerschaft sogar die Errichtung von Fütterungsanlagen innerhalb des Nationalparks, um das Wild im Winter dort zu binden und den Abzug in die vorgeschädigten Wälder der Gemeinden Möllbrücke, Pusarnitz und Lendorf zu verhindern.3 Der Nationalpark lehnt solche künstlichen Fütterungen innerhalb der Kernzone jedoch ab, da sie dem internationalen Leitbild des Prozessschutzes diametral widersprechen würden.3
Die Konsequenz ist Resignation bei den lokalen Jägern. Es etabliert sich eine fatale Haltung: "Wenn es im Nationalpark-Revier keine Abschusserhöhungen gibt, strengen wir uns auch nicht mehr an".3 Dieser Frust wurzelt tief in der gesetzlichen Haftungsarchitektur, die den Jäger vor Ort für Schäden bluten lässt, die er systemisch nicht verhindern kann.
6. Juristische und ökonomische Dimensionen der Wildschadenshaftung
Wenn die im Nationalpark herangewachsenen, großen Rotwildverbände im November ihre Sommerrefugien verlassen und in die Tieflagen des Mölltals abwandern 14, treffen sie auf land- und forstwirtschaftliche Kulturflächen, die oftmals bereits durch klimatische Extreme vorgeschädigt sind. Die Tiere verursachen durch den Verbiss von nährstoffreichen Terminaltrieben bei Jungpflanzen und das Schälen der Rinde von älteren Bäumen massive Schäden. Die Abwicklung dieser Schäden ist im Kärntner Jagdgesetz detailliert, wenngleich in der Praxis höchst konfliktträchtig, geregelt.
6.1. Gesetzliche Grundlagen der Ersatzpflicht nach dem K-JG
Die Paragrafen 74, 75 und 77 des Kärntner Jagdgesetzes (K-JG) bilden das juristische Fundament für die Haftung und Ersatzpflicht bei Wildschäden.19 Der Grundgedanke des Gesetzes ist eindeutig: Der Jagdausübungsberechtigte (also der Pächter oder der Eigenjagdberechtigte) haftet vollumfänglich für alle Schäden, die durch das im Gesetz definierte, jagdbare Schalenwild (wie Rotwild) an den Grund und Boden seiner Jagdfläche angeschlossenen Kulturen entstehen.19
Die Methodik der Schadensbewertung ist rigoros und auf die vollständige Kompensation des Ertragsentganges der Grundeigentümer (Land- und Forstwirte) ausgerichtet. Nach § 75 Abs. 1 K-JG ist ein Wildschaden an Bodenerzeugnissen nach jenem wirtschaftlichen Wert zu ersetzen, den diese Erzeugnisse zur Zeit der Ernte (bei Wald: zum Zeitpunkt der Hiebsreife) gehabt hätten, wobei lediglich der Aufwand, der dem Geschädigten bis dahin noch erwachsen wäre, in Abzug gebracht wird.19
Besonders brisant wird die Haftung bei forstlichen Aufforstungsflächen, wie sie im Mölltal derzeit massenhaft neu angelegt werden müssen. § 75 Abs. 2 K-JG statuiert: Erreicht der Wildschaden ein derartiges Ausmaß, dass ohne einen völligen Umbruch und neuerlichen Anbau ein entsprechender Ernteertrag (bzw. ein funktionierender Jungwald) nicht mehr zu erwarten ist, so muss der Jagdausübungsberechtigte nicht nur den Wertverlust ersetzen, sondern die kompletten Kosten für die erforderliche Arbeit, das aufzuwendende Saat- und Pflanzgut sowie einen allfällig verbleibenden Minderertrag des zweiten Anbaues tragen.19
Ausgenommen von dieser verschuldensunabhängigen Vollhaftung sind lediglich Sonderkulturen (wie Obstgärten, nicht heimische Forstkulturen oder Baumschulen), bei denen der Eigentümer nur dann Ersatz verlangen kann, wenn er beweist, dass er selbst alle wirtschaftlich zumutbaren Vorkehrungen (z.B. eine mindestens 1,50 Meter hohe Einfriedung) getroffen hat (§ 75 Abs. 3 K-JG).19 Für reguläre Schutzwaldaufforstungen im alpinen Steilgelände ist eine flächendeckende Zäunung jedoch oft technisch unmöglich oder ökonomisch völlig irrational.
6.2. Die Schlichtungsstellen und die Haftungsfalle
Können sich Grundeigentümer und Jäger über die Höhe des Schadens nicht einigen, tritt eine behördliche Schlichtungsstelle für Wildschadensangelegenheiten auf den Plan (§ 77 K-JG).21 Diese Gremien, besetzt mit verlässlichen Personen, die mit den Verhältnissen der Land- und Forstwirtschaft sowie der Jagd vertraut sind 22, erlassen auf Basis land- und forstwirtschaftlicher Sachverständigengutachten bindende Festsetzungsbescheide. Diese Bescheide können für den einzelnen Jagdpächter ruinöse Dimensionen annehmen. Belegte Fälle aus der Kärntner Rechtsprechung zeigen, dass auf Basis fotografischer Dokumentationen und Expertenbewertungen Wildschadensersatzzahlungen von 9.000 bis über 13.000 Euro für einzelne, begrenzte Schadensflächen an den Revisionswerber (Jagdpächter) vorgeschrieben werden.21
Dieses juristische System funktioniert in der Theorie unter der strikten Prämisse, dass der Jagdpächter in der Lage ist, den Wildstand in seinem Revier durch vorausschauende Bejagung so zu regulieren, dass Schäden gar nicht erst entstehen oder auf ein erträgliches Maß minimiert werden. Im Mölltal jedoch ist dieses Paradigma durch die Geografie des Nationalparks vollständig ausgehebelt.
Der lokale Jagdpächter gerät in eine ausweglose Haftungsfalle: Er haftet gesetzlich für jeden verbissenen Baum in seinem Revier.23 Faktisch hat er jedoch nicht den geringsten Einfluss auf die Populationsgröße des Rotwilds, da dieses den Sommer, jene Zeit, in der das Wild entspannt äst und bejagbar wäre, unangetastet im jagdfreien Nationalpark verbringt.3 Das Wild taucht in seinem Mölltaler Revier erst im Winter auf.23 Zu diesem Zeitpunkt sind die gesetzlichen Schusszeiten oft schon abgelaufen oder stark eingeschränkt (Kälber und Tiere dürfen in Kärnten regulär bis 31. Dezember erlegt werden) 17, das Wild agiert konditioniert nachtaktiv 14 und versteckt sich in den ohnehin geschädigten Winterwäldern. Der Jäger haftet somit für eine Überpopulation, die von staatlichen Naturschutzstrukturen direkt an seiner Reviergrenze herangezogen wird.23
7. Forstwirtschaftliche Krisenprävention: Schutzwaldsanierung und Aufforstung im Mölltal
Die beschriebene Wildschadensproblematik wäre in regulären Wirtschaftswäldern bereits ein schwerwiegendes ökonomisches Problem. Im Mölltal trifft dieser unregulierte Wilddruck jedoch auf eine Talschaft, die sich in einer beispiellosen forstlichen Existenzkrise befindet. Es geht hier nicht primär um die Produktion des Rohstoffes Holz, sondern um den nackten Schutz menschlicher Siedlungsräume vor elementaren Naturgefahren.
7.1. Ökologische Notwendigkeit und Dimension der Schutzwaldsanierung
Die Wälder in den Alpen erfüllen eine vitale Barrierefunktion. Von der gesamten Waldfläche Österreichs sind gewaltige 42 Prozent (rund 1,6 Millionen Hektar) als Schutzwald klassifiziert.24 Diese Bestände schützen Täler, Straßen und Infrastruktur vor Lawinen, Muren, Steinschlag und Hangrutschungen. Wie empfindlich dieses System ist, zeigen hochkomplexe wissenschaftliche Simulationen: Wenn Bergflanken ihre Waldbedeckung verlieren, steigt die Anfälligkeit für Naturkatastrophen exponentiell. In Modellierungen von zwei Millionen Lawinenereignissen stieg die Anzahl der Lawinen von 88.600 (Szenario mit intaktem, 300-jährigem Wald) auf verheerende 563.000 Lawinen (Szenario bei Verlust der Walddecke), wobei sich die Lawinenanrissgebiete um fast ein Drittel ausdehnten.2
Das Mölltal und angrenzende Kärntner Regionen verzeichnen in den letzten Jahren desaströse Schadholzereignisse, die diese Schutzfunktion akut bedrohen.1 Primär induziert durch Orkane, extreme Föhnstürme und langanhaltenden Trockenstress, haben sich unkontrollierbare Massenvermehrungen des Buchdruckers (Borkenkäfer) entwickelt.1 Die Klimaerwärmung führt dazu, dass sich diese biotischen Störungen zunehmend auch in die extremen Hochlagen der Bergwälder ausbreiten, Bereiche, die historisch zu kalt für eine erfolgreiche Reproduktion des Käfers waren.26 Wenn in einer Kärntner Gemeinde am Berghang auf weiten Flächen deutliche Borkenkäferschäden und völlig kahle Hänge bzw. tote Baumgruppen zu sehen sind, ist die essenzielle Schutzfunktion für die im Tal gelegenen Höfe unmittelbar gefährdet.1
7.2. Finanzielle Investitionen und Steuergelder für klimafitte Aufforstungen
Um diese zerstörten und abgestorbenen Flächen rasch neu zu bewalden und eine klimafitte, resiliente Nachfolgegeneration an Bäumen zu etablieren, müssen gewaltige Summen investiert werden.1 Für die Schutzwaldsanierung im Mölltal wurden in beispiellosen Kraftakten in nur wenigen Gemeinde bereits Förderpakete in Höhe von 6 Millionen Euro freigegeben.6
Der logistische und materielle Aufwand für solche Aufforstungen im Steilgelände ist gigantisch. Bei großflächigen Waldverlusten im alpinen Raum, wie sie durch Föhnstürme verursacht wurden (die beispielsweise in Osttirol 400.000 Kubikmeter Schadholz auf 1.000 Hektar hinterließen), spricht man von einem Bedarf von bis zu 1,5 Millionen Bäumen, die neu gepflanzt werden müssen.25 Private und genossenschaftliche Waldbesitzer sind mit dieser Aufgabe vollkommen überfordert, weshalb oft Hubschraubereinsätze notwendig sind, um Schadholz in Ganzbaumbringungen ins Tal zu fliegen und neues Pflanzenmaterial auf den Berg zu transportieren.27 Unterstützung kommt auch aus der Privatwirtschaft; so sponserte das Helvetia Schutzwald-Engagement in einer groß angelegten Initiative allein 35.000 Jungbäume spezifisch für das Kärntner Mölltal.28
Die primäre Finanzierungslast dieser Mammutprojekte trägt jedoch die öffentliche Hand, sprich der Steuerzahler. Die Bundes- und Landesregierungen haben umfangreiche Förderprogramme aufgelegt. Förderrichtlinien für die Ländliche Entwicklung (LE-Fördermaßnahme 8.4.1) sehen für die Vorbeugung von Schäden und die Wiederherstellung von Wäldern nach Katastrophenereignissen Zuschüsse von bis zu 60 Prozent der Nettokosten für Aufforstung, Einleitung von Naturverjüngung und Wildschutzmaßnahmen vor.30 In extremen Krisenfällen, bei denen die kommunale Standortentwicklung und der direkte Siedlungsschutz auf dem Spiel stehen, kann die öffentliche Förderung als Zuschuss sogar bis zu 100 Prozent der anrechenbaren Kosten betragen.5
7.3. Die existenzielle Kollision von Rotwild und Zukunftsbaumarten
Die Bemühungen um den Umbau zu einem klimafitten Wald erfordern einen bewussten Abtausch der extrem käferanfälligen Fichten-Monokulturen hin zu Mischwäldern, die Tannen, Lärchen und diverse Laubbaumarten beinhalten. So wird beispielsweise in Pilotprojekten versucht, Eichen dominierte Laubmischwälder zu pflanzen, insbesondere auch im Hinblick auf den Schutz sensibler Trinkwasser-Schongebiete.33
Genau hier entlädt sich die ökologische Tragödie: Exakt diese klimatoleranten Zukunftsbaumarten (Tanne, Eiche) zählen zur absoluten Lieblingsäsung des Rotwilds. Eine im Mölltal gepflanzte Tanne hat bei den aktuellen Wilddichten, die im Winter aus dem Nationalpark herabziehen, faktisch keine Überlebenschance, sofern sie nicht hermetisch eingezäunt ist.3 Ohne flächendeckende, extrem kostenintensive Wildschutzzäune – deren Errichtung und Instandhaltung im Fels und Schnee des alpinen Steilgeländes oftmals technisch und physikalisch schlicht unmöglich ist – ist das Heranziehen eines neuen, stabilen Jungwaldes nach Aussagen von Experten "fast unmöglich".18
Der unregulierte Wildverbiss vernichtet somit nicht nur den zukünftigen monetären Holzertrag der Grundeigentümer, sondern entwertet und vernichtet proaktiv Millionenbeträge an öffentlichen Steuergeldern, die als Förderungen in die Wiederbewaldung investiert wurden.5
8. Jagdstrategische Imperative: Bestandsreduktion durch Sommer- und Intervalljagd
Angesichts dieser existentiellen forstlichen Gefährdung im direkten Spannungsfeld zum Nationalpark ist die Reduktion der überhöhten Rotwildbestände keine bloße Frage der forstlichen Bequemlichkeit, sondern eine zwingende, standortrettende Notwendigkeit. Die moderne Wildbiologie ist sich dabei völlig einig, dass klassische, oft trophäenorientierte Jagdmodelle, die auf die Erbeutung älterer männlicher Stücke (Hirsche) abstellen, absolut keinen Einfluss auf die Populationsdynamik haben.16
8.1. Biologische Grundlagen der Reduktion über den "Zuwachsträger"
Das Rotwild weist als große Schalenwildart eine erhebliche, populationsdynamische Resilienz und eine verlässliche Reproduktionsrate auf. Die gesamte Vermehrungskraft einer Population ruht ausschließlich auf dem weiblichen Wild, dem sogenannten Kahlwild (führende Alttiere, Schmaltiere und weibliche Kälber). Wird diese weibliche Basis – der "Zuwachsträger" – nicht rigoros und strukturiert bejagt, wächst der Gesamtbestand binnen weniger Jahre unweigerlich exponentiell an.
Um einen zu hohen Wildstand effektiv und nachhaltig abzusenken, fordern wildbiologische Gutachten eine konsequente Schwerpunktbejagung exakt dieses weiblichen Wildes sowie des Jungwilds, präferiert in den Sommermonaten.16
8.2. Die Methodik der Sommer- und Intervalljagd
Die sogenannte Sommerjagd, die in Österreich und nach österreichischen Jagdzeiten (für Kahlwild zumeist ab Mai für Schmalwild und ab Juli/August für führende Tiere und Kälber) 17 nach Ende der Setzzeiten intensiviert wird, stützt sich auf hochgradig spezifische methodische Prinzipien, die sowohl Effizienz als auch Tierschutz gewährleisten 16:
- Fokus auf den Kleinverband im August: Anstatt im Winterhang frustrierend auf gewaltige, panische Großrudel einzuwirken, in denen gezieltes Ansprechen (Identifizieren) der Tiere fast unmöglich ist, zielt die Sommerjagd als kurze Intervalljagd auf familiäre Kleinverbände ab. Ein solcher Kleinverband besteht klassischerweise aus einem Alttier, einem Kalb und oft dem vorjährigen Schmaltier.16 Diese Einheiten werden im Spätsommer (August) aufgesucht.
- Verhinderung von Kälberwaisen durch Kaskaden-Abschuss: Ein massives ethisches und wildbiologisches Problem bei der Kahlwildbejagung ist der Abschuss von säugenden (laktierenden) Alttieren, wodurch das Kalb als Waise zurückbleibt, jämmerlich verhungert oder im Winter kümmert. Untersuchungen zeigen erschreckende Raten: Bis zu 28 Prozent der Alttier-Erlegungen in undiszipliniert geführten Revieren führen zu Kälberwaisen.36 Die professionelle Sommerjagd fordert daher den kompletten, gleichzeitigen Abschuss des Kleinverbandes, wobei zwingend das Kalb vor dem Muttertier erlegt werden muss.16
- Ökologische Verortbarkeit im Habitat: Telemetriestudien aus anderen großen Waldgebieten stützen diese Strategie durch den Nachweis, dass das Kahlwild gerade in den sensiblen Monaten von Mai bis Juli und zur Aufzucht der Kälber extrem standorttreu ist und oft nur wenige hundert Hektar intensiv frequentiert.34 In dieser Zeit stehen die Tiere ruhig in ihren Einständen und auf den ungestörten Freiflächen. Hier sind sie für ein gut organisiertes Wildtiermanagement präzise verortbar und effizient reduzierbar.34
- Minimierung des Dauerstresses durch Intervalle: Ein weiterer entscheidender Faktor ist der Wechsel zwischen kurzen, harten Jagddruckphasen und langen Phasen absoluter Jagdruhe (Intervalljagd).16 Durch diesen Rhythmus und den gleichzeitigen, strikten Verzicht auf jedwede Nachtjagd 16 wird der chronische Stress für die Gesamtpopulation minimiert. Weniger Stress bedeutet signifikant weniger Ruhebedarf im schützenden Dickicht und damit eine drastische Reduktion von unbeabsichtigten Verbiss- und Schälschäden durch verstecktes Wild.
8.3. Die strategische Ohnmacht ohne die Beteiligung des Nationalparks
So logisch, wildbiologisch untermauert und effektiv diese Strategie der Sommer- und Intervalljagd auf Kahlwild ist 16, so absolut wirkungslos verpufft sie im Kärntner Mölltal, solange das geografisch größte und wichtigste Habitat im System – der Nationalpark Hohe Tauern mit seinen 25.000 Hektar Jagdfläche – als unangetastetes Sanctuarium (Schutzraum) für exakt diese Zuwachsträger fungiert.4
Wie die Telemetriedaten unwiderlegbar bewiesen haben, nutzt das Rotwild den Nationalpark intensiv als sommerlichen Aufenthaltsort.11 Genau in jener Phase (Juli und August), in der die wirkungsvollste und tierschutzgerechteste Reduktion von Kahlwild mittels Sommerjagd stattfinden müsste 16, befindet sich der absolute Großteil der Population sicher und unbehelligt innerhalb der Schutzgebietsgrenzen (z.B. im Habachtal oder auf der Lassacher Alpe).3 Da das Management des Nationalparks hier im Sinne der vom WWF und der IUCN geforderten "ergebnisoffenen autogenen Prozesse" auf rigorose, flächige Reduktionsjagden verzichtet 7, bleibt der gesamte jährliche Bestandszuwachs der Population vollständig und unangetastet erhalten.
Die Illusion, eine Bestandsreduktion eines solch gewaltigen Wildbestandes sei im Spätherbst oder Winter an den Grenzen der kleinen Rand- und Talreviere des Mölltals möglich, muss aufgrund der dargelegten Fakten als gescheitert betrachtet werden.15 Die lokale Jägerschaft in Revieren von 150 Hektar kann die massive demografische Dynamik einer Population, die einen 25.000-Hektar-Schutzraum als sichere Reproduktionsbasis nutzt, rein logistisch und mathematisch nicht kompensieren. Eine wirkungsvolle, nachhaltige Reduktion des Rotwilds im Gesamtsystem Hohe Tauern/Mölltal ist schlichtweg unmöglich, solange auf den ausgedehnten Flächen des Nationalparks nicht parallel und systematisch eine rigorose, professionell orchestrierte Sommerjagd ausgeübt wird.
9. Die fiskalische Dissonanz: Steuerfinanzierter Naturschutz kontra steuerfinanzierte Aufforstung
Zieht man die Betrachtungsebene von der lokalen Wildbiologie hinauf zur makroökonomischen Ebene, offenbart die Analyse der Finanzströme in diesem regionalen Konflikt eine tiefgreifende, systemische Dissonanz, die im Kern von der öffentlichen Hand – mithin vom Steuerzahler – getragen und perpetuiert wird. Der Staat subventioniert in diesem geografischen Korridor zeitgleich zwei vollkommen konträre politische Zielsetzungen, die sich in ihren Wirkungen gegenseitig neutralisieren und Ressourcen vernichten.
Auf der einen Seite des Spektrums fließen kontinuierlich beträchtliche öffentliche Mittel aus dem Bundesbudget, dem Budget des Landes Kärnten und dem Nationalparkfonds in die Erhaltung, das Management und die Bezahlung des Pachtzinses für die 25.000 Hektar großen Nationalparkreviere.3 Die Historie der Lassacher Alpe, die einst vom WWF gepachtet wurde, steht repräsentativ für den Zweck dieser Gelder: Sie dienen explizit dazu, Flächen jagdlich weitgehend stillzulegen, traditionelle Nutzungen auszuschließen und der Wildpopulation einen ungestörten, prozessgeschützten Raum zu gewähren.7 Dieses staatlich finanzierte Nicht-Management, das auf die Rückkehr von noch kaum vorhandenen Prädatoren wettet, führt mit wildbiologischer Zwangsläufigkeit zu den telemetrisch nachgewiesenen Populationsanstiegen und den daraus resultierenden Wintermigrationen in die Vorländer.11
Auf der anderen Seite des Spektrums, getrennt oft nur durch einen Bergkamm oder eine Reviergrenze, muss exakt derselbe Steuerzahler in die Bresche springen, um für die desaströsen forstlichen Folgen dieser geschützten Überpopulation aufzukommen. Die im Mölltal durch Trockenheit, Windwurf und Borkenkäfer entstandenen Schadflächen, die als Schutzwald für das physische Überleben der Talschaft essenziell sind, müssen mit gewaltigen Fördergeldern (wie dem dargelegten 6-Millionen-Euro-Paket im Mölltal 6) wiederaufgeforstet werden.1 Die Richtlinien gewähren für diese existenzsichernden Maßnahmen der kommunalen Standortentwicklung und des Forstschutzes Förderungen, die sich dem Wert von 100 Prozent der Gesamtkosten nähern können.5
Da das aus dem steuerfinanzierten Nationalpark abwandernde Rotwild nun genau diese mit Steuergeldern frisch bepflanzten Kulturen im Tal ansteuert und durch massiven Verbiss und Rindenschälung vernichtet 3, entsteht ein absurder fiskalischer Teufelskreis. Der Staat bezahlt de facto auf der hochalpinen Seite die Erhaltung, Fütterung (durch ungestörte Äsung) und Schonung einer Wildüberpopulation, und finanziert auf der Talseite die hoffnungslose Reparatur der durch exakt diese Überpopulation verursachten, existenziell bedrohlichen Zerstörung von Schutzinfrastruktur.
Eine derartige diametrale Verwendung öffentlicher Mittel widerspricht den grundlegenden haushalterischen Prinzipien der Sparsamkeit, Wirtschaftlichkeit und Zweckmäßigkeit.3 Sie macht auf schmerzhafte Weise deutlich, dass rein sektorales Denken – hier der unantastbare Naturschutz nach IUCN-Kriterien, dort die verzweifelte Forstwirtschaft zur Daseinsvorsorge – in eng verzahnten, alpinen Ökosystemen auf ganzer Linie zum Scheitern verurteilt ist.
10. Abschließende Bewertung: Schutzwaldsanierung und Naturschutz im alpinen Raum
Die Gegenüberstellung der Prioritäten im Kärntner Mölltal und dem Nationalpark Hohe Tauern offenbart einen fundamentalen Paradigmenkonflikt zwischen international gefordertem Prozessschutz (Naturschutz) und regional zwingend notwendiger Daseinsvorsorge (Schutzwaldsanierung).
Der Naturschutz, stark repräsentiert durch die Vorgaben von NGOs wie dem WWF und die Richtlinien für IUCN-Nationalparks der Kategorie II, fordert zu Recht den Schutz natürlicher Kreisläufe und die kategorische Zurückdrängung menschlicher Regulative auf mindestens 75 Prozent der definierten Kernzonen.3 Die Vision eines Ökosystems, in dem Bär, Wolf, Schakal und Luchs die Bestände von Rot-, Gams- und Steinwild natürlich und ohne menschlichen Eingriff regulieren, ist ein nobles und wissenschaftlich faszinierendes Ziel für den Erhalt der globalen Biodiversität.9
Jedoch krankt dieser idealisierte, isolierte Ansatz in der harten Realität einer stark fragmentierten, anthropogen intensiv überprägten mitteleuropäischen Kulturlandschaft an einem fatalen Timing-Problem. Den alpinen Ökosystemen fehlen derzeit noch immer weitflächig die großen Prädatoren in einer Populationsdichte, die tatsächlich in der Lage wäre, eine 25.000 Hektar durchstreifende Rotwildpopulation top-down ökologisch zu regulieren.9 Bis sich diese Prädation auf natürliche Weise flächendeckend etabliert hat, wirkt der dogmatische Verzicht auf die menschliche Jagd wie ein staatlich subventioniertes, unkontrolliertes Aufzuchtprogramm ("Rotwildzucht"), das seine Überschüsse jeden Winter in die Täler entlässt.3
Dem gegenüber steht die Schutzwaldsanierung im Mölltal, die keinem bloßen forstwirtschaftlichen Gewinnstreben dient, sondern eine hochgradig sicherheitsrelevante Basis-Infrastrukturmaßnahme darstellt. Der klimafitte Waldumbau entscheidet wortwörtlich über die Bewohnbarkeit von Tälern. Wenn die durch Borkenkäfer und extreme Wetterereignisse entstandenen Kahlflächen 1 nicht erfolgreich und vor allem rasch mit neuen, klimaresilienten Baumarten aufgeforstet werden können, steigen die tödlichen Gefahren durch Lawinen, Muren und Steinschlag auf ein für die Bevölkerung unbeherrschbares Maß.2
In der unausweichlichen Abwägung zwischen diesen beiden Zielen muss die Aufrechterhaltung der menschlichen physischen Sicherheit (durch funktionierende Schutzwälder) und die Wiederherstellung eines klimaresilienten Ökosystems vor Ort die absolute, kompromisslose Priorität genießen. Der Naturschutz im Nationalpark Hohe Tauern darf bei allem Streben nach Prozessschutz nicht als isolierte, elitäre "Käseglocke" verstanden werden, die die ökonomische und physische Zerstörung der angrenzenden, tiefen Tallagen und Schutzwälder achselzuckend billigend in Kauf nimmt. Solange natürliche, tierische Regulatoren in ausreichender Zahl fehlen, ist und bleibt der Nationalpark als mit Abstand größter Grund- und Jagdverwalter 4 wildbiologisch, moralisch und vor allem fiskalisch tief in der Pflicht, sich aktiv, verantwortungsvoll und massiv an der Reduktion des Rotwilds zu beteiligen.
Ohne eine gezielte, professionelle und rigorose Sommerjagd auf das Kahlwild innerhalb der weitläufigen, alpinen Grenzen des Nationalparks 15 werden sämtliche millionenschweren Aufforstungsbemühungen 6 in den direkt angrenzenden Tälern des Mölltals unweigerlich in massenhaftem Verbiss und letaler Rindenschälung untergehen.3 Nur ein integriertes, völlig raumübergreifendes Wildtiermanagement, das die wildökologischen Fakten der Telemetriedaten 11 nüchtern nutzt und den Nationalpark aktiv in die Bringschuld der konsequenten Bestandsregulierung nimmt, kann diesen ökologischen und ökonomischen gordischen Knoten durchschlagen und die massiven Investitionen der Steuerzahler in eine klimafitte Zukunft nachhaltig sichern.
Referenzen
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- Klimawandel - WLV - Verein der Akademiker:innen der Wildbach- und Lawinenverbauung Österreichs, Zugriff am Juni 9, 2026, https://www.wlv-austria.at/images/download/Heft_190_Naturgefahren%20im%20Klimawandel_12_2022.pdf
- wert wissenswert - Kärntner Forstverein, Zugriff am Juni 9, 2026, https://kaerntner-forstverein.at/wp-content/uploads/2022/03/Eisank_2019.pdf
- Nationalpark Hohe Tauern, Zugriff am Juni 9, 2026, https://hohetauern.at/images/dateien/Rat/2022_10_Sommer_Magazin.pdf
- Maßnahme 311 - Diversifizierung - Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft, Zugriff am Juni 9, 2026, https://www.bmluk.gv.at/dam/jcr:3df13ddf-f896-49fe-826c-f8f5491703bf/02_Evaluierungsbericht%202010%20Teil%20B_teil2.pdf
- 6 Millionen für Schutzwald im Mölltal | dolomitenstadt, Zugriff am Juni 9, 2026, https://www.dolomitenstadt.at/2026/06/04/6-millionen-fuer-schutzwald-im-moelltal/
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