Ein klimafitter Wald für das Mölltal: Der Baumartencheck für 2100
Im Mölltal hat der Wald eine alles überragende Aufgabe: die Schutzfunktion. Wenn wir in diesem Tal dauerhaft sorgenfrei vor Naturgewalten wie Lawinen, Steinschlag oder Muren leben wollen, muss unser Wald intakt und stabil sein. Ein Blick auf den Waldentwicklungsplan zeigt uns deutlich: Nahezu der gesamte Mölltaler Wald ist als Schutzwald eingestuft. Doch unser Schutzschild bröckelt. Schon jetzt zeigt sich – wie im vorigen Beitrag vorgestellt –, dass unsere bisherige Hauptbaumart, die Fichte, mit den neuen Bedingungen nicht mehr zurechtkommt. Speziell die steigenden Sommertemperaturen setzen ihr massiv zu.
Um unseren Wald der Zukunft zu planen, müssen wir wissen, was auf uns zukommt. Das angenommene Temperaturszenario für das Jahr 2100 stammt aus der Feder von Mag. David Kaufmann von tauernwetter.at, den ich für dieses so wichtige Thema um Hilfe mit fundierten Daten und Prognosen gebeten habe.
Analysieren wir nun anhand dieser Daten, wie sich der Wald in der Region um Obervellach verändern wird. Die Grafiken zeigen uns deutlich, wie sich die Temperaturbereiche in den Höhenstufen bis 2100 nach oben verschieben.
Die Sonnseite (Südhang): Wenn der Berg zu heiß wird
Auf der Sonnseite erleben wir bis 2100 einen dramatischen Wandel. Die Waldgrenze wird massiv nach oben gedrückt, da es in den tieferen Lagen schlichtweg zu heiß wird.
- Das Schicksal der Fichte: Die Fichte verträgt laut Grafik Sommertemperaturen bis 18 °C. Auf der Sonnseite wird diese Marke künftig bereits in der tiefsubalpinen Stufe (zwischen 1600 m und 1800 m) überschritten. Das bedeutet: Unterhalb von 1600 m bis 1800 m wird es im Jahr 2100 keinen Platz mehr für die Fichte geben! Sie wird sich in die hochsubalpine und alpine Stufe (bis 2300 m) zurückziehen müssen.
- Wer gänzlich verschwindet: Für die Zirbe, unseren klassischen Hochgebirgsbaum, der maximal 12 °C Sommertemperatur verträgt, ist auf der Sonnseite im Jahr 2100 gar kein Platz mehr. Selbst in der obersten alpinen Stufe (2100 m – 2300 m) liegen die Temperaturen dann bereits bei über 14 °C. Die Zirbe wird am Südhang im Mölltal voraussichtlich komplett ausfallen.
- Die Aufstiegskandidaten: In den mittleren und tieferen Lagen brauchen wir völlig neue Konzepte. Die hochmontane Stufe (1300 m – 1600 m) wird zum neuen Lebensraum für Eichen (Trauben- und Stieleiche), Feldahorn und Hainbuche.
- Ein erschreckendes Detail: In der submontanen Stufe (500 m – 800 m), also unten im Tal, klettern die Sommertemperaturen auf der Sonnseite auf über 23 °C. Wie die Grafik eindrucksvoll zeigt, stößt hier selbst der hitzetoleranteste Kandidat unserer Liste, der Feldahorn (max. 22 °C), an sein absolutes Limit. Wir stehen hier vor der Herausforderung, dass viele unserer heimischen Baumarten in den tiefsten Lagen der Sonnseite rein von der Temperatur her nicht mehr überlebensfähig sein könnten.
Die Schattseite (Nordhang): Das letzte Refugium der Nadelbäume?
Auf der Schattseite sind die Bedingungen naturgemäß etwas milder, doch auch hier hinterlässt die Erwärmung bis 2100 deutliche Spuren.
- Das Schicksal der Fichte: Auf dem Nordhang rückt die 18 °C-Grenze, das Maximum der Fichte, in die hochmontane Stufe (1300 m – 1600 m). Unterhalb von etwa 1300 m (in der tief- und mittelmontanen sowie submontanen Stufe) wird es künftig auch auf der Schattseite zu heiß für die Fichte. Ihr Lebensraum schrumpft auf die Lagen ab 1300 m aufwärts.
- Wer gänzlich verschwindet: Die Zirbe hat es auch hier extrem schwer. Sie findet gerade noch an der obersten Kante der alpinen Stufe (knapp unterhalb von 2300 m) Temperaturen um die 12 °C, bei denen sie überleben kann. Sie stirbt auf der Schattseite zwar nicht völlig aus, wird aber auf ein winziges Refugium ganz oben am Berg zurückgedrängt.
- Die Aufstiegskandidaten: Tanne, Lärche und Douglasie können auf der Schattseite in der tief- und mittelmontanen Stufe (800 m – 1300 m) das Rückgrat des Waldes bilden, da es hier mit Temperaturen bis knapp 20 °C für sie noch aushaltbar ist. In der untersten submontanen Stufe (500 m – 800 m) wird es jedoch auch am Nordhang für viele Nadelbäume zu warm. Hier müssen wir trockenheitsresistente Laubbäume wie die Traubeneiche, der Feldahorn oder die Hainbuche auf ihre Eignung für das Mölltal überprüfen.
Kreuztabelle: Mögliche Kandidaten nach Temperaturtoleranz (Prognose 2100)
Um uns nicht zu überfordern, haben wir hier alle standörtlichen Eignungen (wie Bodenbeschaffenheit) und Risiken (wie Spätfrost) bewusst noch ausgeklammert. Diese Tabelle zeigt ausschließlich, welche Baumarten aufgrund der reinen Sommertemperatur in den jeweiligen Höhenstufen im Jahr 2100 überleben könnten. Diese Kandidaten werden wir in den kommenden Beiträgen genauer unter die Lupe nehmen.
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Höhenstufe (Seehöhe) |
Sonnseite (Südhang) |
Schattseite (Nordhang) |
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Alpine Stufe
(2100 m – 2300 m) |
Fichte, Tanne, Lärche, Douglasie, Weißkiefer, Buche, Bergahorn, Spitzahorn, Esche, Winterlinde, Schwarzerle |
Fichte, Tanne, Lärche, Sandbirke, Zirbe (nur noch in den obersten Randlagen) |
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Hochsubalpine Stufe
(1800 m – 2100 m) |
Fichte, Tanne, Lärche, Douglasie, Weißkiefer, Traubeneiche, Buche, Bergahorn, Stieleiche, Spitzahorn, Feldahorn, Esche, Winterlinde, Hainbuche, Schwarzerle |
Fichte, Tanne, Lärche, Douglasie, Weißkiefer, Buche, Bergahorn, Spitzahorn, Feldahorn, Esche, Winterlinde, Hainbuche, Schwarzerle, Sandbirke |
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Tiefsubalpine Stufe
(1600 m – 1800 m) |
Fichte (nur noch in den höheren Teilen), Tanne, Lärche, Douglasie, Weißkiefer (Randbereich), Traubeneiche, Buche, Bergahorn, Stieleiche, Spitzahorn, Feldahorn, Esche, Winterlinde, Hainbuche, Schwarzerle |
Fichte, Tanne, Lärche, Douglasie, Weißkiefer, Traubeneiche, Buche, Bergahorn, Stieleiche, Spitzahorn, Feldahorn, Esche, Winterlinde, Hainbuche, Schwarzerle, Sandbirke |
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Hochmontane Stufe
(1300 m – 1600 m) |
Stieleiche, Spitzahorn, Feldahorn, Winterlinde, Hainbuche, Traubeneiche |
Fichte (nur noch in den kühleren Teilen), Tanne, Lärche, Douglasie, Weißkiefer (Randbereich), Traubeneiche, Buche, Bergahorn, Stieleiche, Spitzahorn, Feldahorn, Esche, Winterlinde, Hainbuche, Schwarzerle, Sandbirke (Randbereich) |
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Tief- und mittelmontane Stufe
(800 m – 1300 m) |
Traubeneiche, Stieleiche (Randbereich), Feldahorn, Hainbuche |
Tanne (Randbereich), Lärche (Randbereich), Douglasie (Randbereich), Traubeneiche, Buche (Randbereich), Bergahorn (Randbereich), Stieleiche, Spitzahorn, Feldahorn, Esche (Randbereich), Winterlinde, Hainbuche, Schwarzerle (Randbereich) |
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Submontane Stufe
(500 m – 800 m) |
Keine der analysierten Baumarten! (Selbst der Feldahorn stößt hier an sein Limit. Ggf. Bedarf an mediterranen/alternativen Baumarten) |
Traubeneiche, Feldahorn, Hainbuche |
(Anmerkung zur Tabelle: "Randbereich" bedeutet, dass die Maximaltemperatur der Baumart exakt im Übergangsbereich dieser Höhenstufe liegt und sie dort an ihre absolute thermische Grenze stößt.)
Podcast zum Wald 2100
In weiterer Folge müssen wir uns jetzt diese Kandidatenliste für unseren Zukunftswald näher anschauen, um herauszufinden, wer davon wirklich ins Mölltal der Zukunft passen wird.


