Rotwild und Schutzwald im Mölltal - Was die Zahlen für Jäger und Waldbesitzer bedeuten.

Abschusspläne basieren in Kärnten auf Bestandesschätzungen, daher bedienen wir uns auch bei der Ermittlung der Höhe der Rotwildpopulation dieser Methode. Die hier vorgestellten Zahlen zum Rotwildbestand in unserem Tal sind Mittelwerte aus drei Berechnungsansätzen.

Wer heute von Heiligenblut über Großkirchheim, Winklern und Stall bis hinunter nach Obervellach und Mallnitz durch das Mölltal fährt, blickt in eine Gebirgslandschaft im dramatischen Umbruch. Wo noch vor wenigen Jahren geschlossene, dunkelgrüne Fichtenwälder die extrem steilen Trogtalflanken der Hohen Tauern und der Schobergruppe kleideten, klaffen heute riesige Kahlflächen. Mehr als 8.500 Hektar Wald sind im Mölltal in der jüngeren Vergangenheit den Stürmen, der Sommertrockenheit und einer beispiellosen Borkenkäferwelle zum Opfer gefallen. Im gesamten Bezirk Spittal an der Drau türmte sich der Schaden allein bei den Österreichischen Bundesforsten auf fast eine Million Festmeter Schadholz.

Auf diesen 8.500 Hektar entscheidet sich in diesem Jahrzehnt nicht weniger als die Sicherheitsarchitektur des gesamten Mölltals. Denn der alpine Bergwald über den Dörfern, Straßen und Siedlungen ist kein beliebiger Holzacker – er ist die grüne Lebensversicherung gegen Lawinen, Steinschlag, Hochwasser und tiefgründige Hangrutschungen. Damit nach dem Ausfall der Fichte ein neuer, klimastabiler Schutzwald aus Weißtanne, Bergahorn, Buche, Eiche und Lärche heranwachsen kann, braucht es neben den richtigen Samenbäumen und Millionen gesetzter Forstpflanzen vor allem eines: ein tragbares Verhältnis zwischen Wald und Wild.

Doch genau an diesem Punkt beginnt im Mölltal seit Jahrzehnten ein Rätselraten – nicht zuletzt deshalb, weil ein volles Viertel der Mölltaler Landesfläche unter der Verwaltung des Nationalparks Hohe Tauern steht. Wie viele Hirsche, Tiere und Kälber leben tatsächlich in den rund 100.000 Hektar großen Einständen des Mölltals, wie wirkt sich die in Kärnten übliche zweijährige Abschussplanung in der aktuell laufenden Periode 2025/2026 aus, und welche Rolle spielt dabei der Nationalpark? Eine forst- und wildbiologische Auswertung der neuesten Zahlen bringt Licht ins Dunkel.

  1. Wie viel Rotwild lebt aktuell im Mölltal? Aus den offiziellen Abschussmeldungen und den Berechnungen der Kärntner Jägerschaft lässt sich annähernd ableiten, wie viel Rotwild im rund 100.000 Hektar großen Mölltal (Wildregionen Winklern und Obervellach) steht:
  • Im Frühjahr (vor der Setzzeit): Es überwintern aktuell rund 6.000 bis 7.100 Stück Rotwild im Mölltal.
  • Im Sommer (mit den neuen Kälbern): Durch den jährlichen Zuwachs von über 2.100 Kälbern steigt der Bestand im Sommer auf 8.200 bis 9.500 Stück an.
  • Warum die Dichte im Wald so extrem ist: Auf das gesamte Tal (inklusive Fels und Gletscher) gerechnet sind das zwar „nur“ 6 bis 7 Stück pro 100 Hektar. Doch spätestens bei Schneefall drängt sich das gesamte Rotwild in den rund 33.000 Hektar Wald an den Talflanken zusammen. Dort stehen im Winter 18 bis über 21 Stück Rotwild auf 100 Hektar Wald – zusätzlich zu Rehen und Gämsen.

Zum Vergleich: Damit ein Wirtschaftswald ohne große Schäden bleibt, gelten maximal 3 Stück pro 100 Hektar als Richtwert; im empfindlichen Schutzwald liegt die Grenze sogar unter 1,5 Stück pro 100 Hektar. Im Mölltaler Wald steht im Winter also sechs- bis vierzehnmal so viel Rotwild, wie der Wald verkraftet.

  1. Warum ist die Lage für die Waldbesitzer gerade jetzt so kritisch?
  • 8.500 Hektar Wald sind weg: Stürme, Hitze und der Borkenkäfer haben im Mölltal über 8.500 Hektar Fichtenwald vernichtet.
  • Die Fichte hat in tiefen Lagen keine Zukunft: In Tallagen wie Obervellach ist es im Sommer im Schnitt bereits 18,8 °C warm – ab 18 °C leidet die Fichte unter chronischem Hitzestress und fällt aus.
  • Wild frisst die Zukunftsbaumarten: Damit über den Dörfern, Höfen und Straßen sowie auf Rutschhängen wieder ein stabiler Schutzwald entsteht, braucht es Weißtanne, Bergahorn, Buche, Eiche und Lärche. Genau diese jungen Bäume werden von Rot- und Rehwild aber bevorzugt abgefressen, während ältere Fichten im Winter geschält werden. Ohne weniger Wild wächst auf den Kahlflächen kein klimafitter Schutzwald nach.

3. Die zweijährige Abschussplanung 2025/2026: Guter Start, aber gefährliche Falle im Jahr 2026 In Kärnten gelten Abschusspläne immer für zwei Jahre (aktuell läuft die Periode 2025/2026, wobei die Zahlen für 2025 vorliegen, jene für das laufende Jahr 2026 aber noch nicht abgeschlossen sind):

  • Was 2025 gut gelaufen ist:

    Seit Mai 2025 gilt die 3:1-Regel (erst müssen 3 Stück Kahlwild erlegt werden, bevor ein Hirsch frei ist) sowie ein Pflicht-Mindestabschuss beim Kahlwild. Dadurch hat die Jägerschaft im Bezirk Spittal im Jahr 2025 genau 4.211 Stück Kahlwild erlegt – das sind um 895 Stück (+27 %) mehr als im Jahr 2024. Im Mölltal wurden 2025 insgesamt rund 2.000 Stück Rotwild (davon rund 1.550 Stück Kahlwild und 450 Hirsche) erlegt.

  • Wo die Gefahr für 2026 liegt:

    Der behördliche Kahlwild-Mindestabschuss für den gesamten Bezirk Spittal beträgt für beide Jahre zusammen 6.498 Stück (für das Mölltal rund 2.350 Stück in zwei Jahren). Weil im ersten Jahr 2025 bereits knapp 65 % dieses Zweijahres-Solls erfüllt wurden, stehen für das laufende Jahr 2026 auf dem Papier nur noch 2.287 Stück im Bezirk Spittal bzw. rund 800 bis 870 Stück Kahlwild im Mölltal als „noch zu erfüllen“ offen.

  • Der „Rotwild-Zinseszins“:

    Wenn die Jägerschaft im laufenden Jahr 2026 nur noch dieses kleine Restsoll von rund 850 Stück im Mölltal schießt, bricht der Abschuss um fast die Hälfte ein. Weil gleichzeitig rund 3.500 bis 4.000 weibliche Tiere im Mölltal stehen, wächst der Bestand dann sofort wieder rasant an. Außerdem führt das bloße Erlegen von Kälbern und Spießern nicht zum Ziel, solange die führenden Alttiere (die jedes Jahr ein neues Kalb bringen) geschont bleiben.

  1. Das Problem mit den 25.000 Hektar im Nationalpark Hohe Tauern Ein Viertel der Mölltaler Fläche (rund 25.000 Hektar) wird jagdlich vom Nationalpark Hohe Tauern verwaltet und ist als große Wildruhezone ausgewiesen:
  • Keine öffentlichen Zahlen: Für diese 25.000 Hektar gibt es keine öffentlich einsehbaren Abschussstatistiken; die Entnahme durch Berufsjäger ist dort im Verhältnis zur Fläche minimal. Die restlichen 75.000 Hektar der normalen Jagdreviere müssen also fast die gesamte Abschussarbeit alleine leisten.
  • Im Sommer oben geschont, im Winter unten im Schutzwald: Rotwild lernt extrem schnell, wo nicht geschossen wird. Sobald im Sommer in den normalen Revieren gejagt wird, zieht das Wild hinauf in die Ruhezonen des Nationalparks, wo es für die Mölltaler Jäger unerreichbar ist. Wenn im Spätherbst der tiefe Schnee kommt, wandern genau diese geschonten Rudel samt Nachwuchs herunter in den Schutzwald der Waldbesitzer.
  1. Was jetzt konkret passieren muss (Lösungen für die Praxis)
  1. Im Jagdjahr 2026 nicht nachlassen: Der Mindestabschuss ist nur eine gesetzliche Untergrenze, nach oben gibt es kein Limit. Damit der Bestand wirklich sinkt, muss im laufenden Jahr 2026 mindestens genauso viel Kahlwild erlegt werden wie 2025 (Ziel: über 2.000 Stück Kahlwild pro Jahr im Mölltal).
  2. Alttiere über Doubletten erlegen: Statt vor allem junge Hirsche und einzelne Kälber zu schießen, muss im Spätsommer und Herbst gezielt erst das Kalb und direkt danach das zugehörige Alttier (Kalb-Alttier-Doublette) erlegt werden – nur so sinkt die Zahl der Muttertiere.
  3. Nationalpark muss mithelfen und Zahlen offenlegen: Der Nationalpark Hohe Tauern muss seine Abschusszahlen im Mölltal transparent veröffentlichen und in seinen Randzonen schon im Spätsommer (August/September) aktiv beim Kahlwild eingreifen, bevor die Rudel im Winter den Schutzwald schädigen.
  4. Zusammenarbeit von Waldbesitzern und Jägern: Salzlecken und falsche Fütterungen im Schutzwald müssen konsequent entfernt werden. Gleichzeitig helfen beruhigte Äsungsflächen außerhalb des Schutzwaldes sowie kurze, kräftige Jagdintervalle den Jägern beim Erlegen. Moderne Pachtverträge mit Bonus-Malus-Regelungen (fairer Pachtnachlass für Jäger, wenn Tanne und Bergahorn im Revier ohne Zaun hochkommen) schaffen Vertrauen auf beiden Seiten.