Zwischen Tauerngold und Klimawandel: Die faszinierende Waldgeschichte des Mölltals
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Wer heute durch die dichten Bergwälder des Mölltals in Kärnten wandert, glaubt oft, unberührte Natur vor sich zu haben. Doch der Schein trügt! Unsere alpinen Wälder sind keine unberührten Urlandschaften, sondern das Ergebnis eines jahrhundertelangen Kampfes zwischen extremen klimatischen Bedingungen und dem unstillbaren Rohstoffhunger des Menschen.
Raubbau für das Tauerngold: Die Waldentwicklung der letzten 200 Jahre Die Geschichte des Mölltaler Waldes ist untrennbar mit dem historischen Bergbau verbunden. Besonders in der frühen Neuzeit verschlang die Eisen- und Goldgewinnung gigantische Mengen an Holz, das vor allem zu Holzkohle für die Schmelzöfen verarbeitet wurde. Um lediglich 100 Zentner Erz zu schmelzen, wurden bis zu 17 Raummeter Holz benötigt. Die Wälder wurden rigoros kahlgeschlagen, wobei der Holzpreis künstlich niedrig gehalten wurde, was Investitionen in die Waldpflege komplett verhinderte.
Zusätzlich setzte die Landwirtschaft den Wäldern zu. Durch die intensive Waldweide (Beweidung durch Rinder und Schafe) wurde der Boden aufgerissen, was den Samen der lichtliebenden Lärche half. Gleichzeitig wurden andere Baumarten vom Wild verbissen. So entstanden durch menschlichen und tierischen Einfluss die heute landschaftsprägenden, wunderschönen "Lärchwiesen".
Als der Bergbau im 19. Jahrhundert an Bedeutung verlor, begann der lukrative internationale Holzhandel. Die Forstwirtschaft setzte nun auf "Massennachhaltigkeit". Man pflanzte fast nur noch die schnell wachsende, lukrative und leicht über Flüsse transportierbare Fichte. Ursprüngliche, wertvolle Baumarten wie die tiefwurzelnde Weißtanne oder die Rotbuche, die Kahlschläge schlecht vertragen oder systematisch als "Unkraut" entfernt wurden, verschwanden fast völlig aus dem Landschaftsbild. Die Folge: Kärnten hat heute einen Fichtenanteil von rund 71 % im Holzvorrat.
Das Mölltal: Zwei völlig unterschiedliche Klimawelten Um zu verstehen, welche Bäume hier von Natur aus wachsen würden, teilt die österreichische Forstwissenschaft das Land in sogenannte "forstliche Wuchsgebiete" ein. Diese fassen Großlandschaften mit einem einheitlichen klimatischen Charakter zusammen und dienen als Basis für ökologischen Waldbau und den passenden Einsatz von Saatgut. Das Spannende am Mölltal: Entlang seines Verlaufs schneidet es gleich zwei völlig unterschiedliche Hauptwuchsgebiete an:
- Das obere und mittlere Mölltal (Subkontinentale Innenalpen, Wuchsgebiet 1.2 und 1.3): Hier herrscht ein abgeschirmtes, kontinentales Gebirgsklima. Das bedeutet: vergleichsweise wenig Niederschlag, viel Sonne und extreme Temperaturschwankungen. In diesen trockenen, rauen Höhenstufen ist der reine Fichtenwald die potenziell natürliche Leitgesellschaft. Ganz oben in der hochsubalpinen Stufe (bis über 2.200 Meter) übernehmen dann frostharte Lärchen-Zirbenwälder das Kommando.
- Das untere Mölltal (Südliche Zwischenalpen, Wuchsgebiet 3.3): Fließt man die Möll hinab, öffnet sich das Tal den feuchteren Luftströmungen (Südstaulagen). Das Klima wird deutlich milder und ozeanischer geprägt. Hier würde die Natur in der montanen Höhenstufe nicht auf reine Nadelwälder setzen, sondern artenreiche Fichten-Tannenwälder oder in den wärmsten Lagen sogar komplexe Fichten-Tannen-Buchenwälder wachsen lassen.
Die Herausforderungen der Gegenwart
Heute rächt sich diese historische Waldumwandlung in fichtendominierte Monokulturen bitter. Besonders im trockenen, kontinentalen Klima des oberen Mölltals leiden die Fichten – die eigentlich flach wurzeln – massiv unter den zunehmenden Dürreperioden des Klimawandels.
Katastrophale Sturmereignisse wie "Vaia" im Oktober 2018 und darauffolgende flächendeckende Schneebrüche haben die geschwächten Bergwälder stark getroffen. Das gigantische Angebot an Totholz und die immer wärmeren Sommermonate führten in der Folge zur massivsten Borkenkäferplage, die die Region (vorwiegend zwischen Stall und Heiligenblut) je gesehen hat.
Die Aufgabe für die Zukunft ist gewaltig: Wir müssen unsere Wälder aktiv umbauen. Ziel ist es, von künstlichen, instabilen Monokulturen wieder zu klimaresilienten, artenreichen Mischwäldern zurückzukehren, die sich am neuen Klima orientieren müssen. Nur so kann der Wald auch für kommende Generationen seine unverzichtbare Schutzfunktion für das Tal aufrechterhalten.
