Baumartenwahl: Wenn der Südhang zur Sauna wird (Eine Temperatur-Analyse mit den derzeit aktuell gemessenen Temperaturen)

Wer heute einen Wald pflanzt oder pflegt, muss in Jahrzehnten denken. Eine der wichtigsten Fragen, die wir uns dabei stellen müssen: Passt die Baumart überhaupt noch zum Klima an meinem Standort? Um das zu beantworten, müssen wir uns die Temperaturtoleranz unserer heimischen Bäume genauer ansehen. Dafür habe ich heute zwei Grafiken für euch vorbereitet, die unsere Waldhöhenstufen (von 500 m bis über 2100 m) der jeweiligen Sommertemperatur gegenüberstellen. Das ist die aktuell gemessene Sommertemperatur und noch keine Prognose! 

Ein ganz wichtiger Hinweis vorab: In dieser Analyse betrachten wir als Auswahlkriterium einzig und allein die Temperaturtoleranz (Sommertemperatur). Alle anderen immens wichtigen Faktoren der Baumartenwahl – wie Niederschlag, Bodenbeschaffenheit, Spätfrostgefahr oder Schädlinge – klammern wir für diesen ersten Schritt bewusst aus. Es geht hier rein um die Frage: Wird es dem Baum hier schlichtweg zu heiß?

Nordhang vs. Südhang: Ein Unterschied wie Tag und Nacht

Die beiden Grafiken zeigen jeweils die Toleranzbereiche der Baumarten. Das Spannende sind aber die farbig hinterlegten Waldhöhenstufen im Hintergrund.

Um die Realität im Wald abzubilden, habe ich ein einfaches, aber wirkungsvolles Modell angewandt: Für den eher schattigen, kühleren Nordhang habe ich die Durchschnittstemperaturen um 1,5 °C gesenkt. Für den sonnenexponierten Südhang habe ich sie um 1,5 °C angehoben.

Das bedeutet: Zwischen einem Nordhang und einem Südhang auf exakt gleicher Seehöhe liegen in unserem Modell 3 °C Temperaturunterschied im Sommer. Schauen wir uns an, welche Baumarten schon heute unter diesen Bedingungen ins Schwitzen kommen.

Die Verlierer auf dem Südhang: Wer jetzt schon Probleme hat

Wenn wir uns die Grafik für den Südhang ansehen, fällt sofort auf, dass sich die farbigen Bänder der Höhenstufen weit nach rechts in den wärmeren Bereich verschoben haben. Die unterste Stufe (Submontane Stufe, 500 - 800 m) erreicht hier Sommertemperaturen von über 20 °C bis knapp 22 °C.

Das führt zu massiven Problemen für einige unserer bekanntesten Bäume:

  • Die Fichte & die Weißkiefer (Toleranz bis 18 °C): Am kühlen Nordhang funktioniert die Fichte bis hinunter ins Tal noch gerade so (wobei sie auch hier in der submontanen Stufe mit 18 °C exakt an ihr Limit stößt). Am Südhang jedoch fällt die Fichte völlig aus. Bereits in der tief- und mittelmontanen Stufe (800 - 1300 m) werden am Südhang die 18 °C überschritten. Wer hier heute noch Fichten oder Weißkiefern pflanzt, ignoriert, dass die Bäume permanent außerhalb ihrer Temperaturkomfortzone wachsen.
  • Die Zirbe (Toleranz bis 12 °C): Unser klassischer Hochgebirgsbaum. Am Nordhang fühlt sie sich in der subalpinen und alpinen Stufe pudelwohl. Am Südhang hingegen wird es ihr bereits in der hochsubalpinen Stufe (1800 - 2100 m) zu warm, da die Temperaturen hier schon an die 13-Grad-Marke kratzen.
  • Buche, Tanne, Esche, Bergahorn und Lärche (Toleranz bis 19 °C):
    Diese Arten haben einen etwas größeren Puffer. Doch am warmen Südhang in den tiefsten Lagen (Submontane Stufe, 500 - 800 m) wird auch bei ihnen das Limit von 19 °C überschritten. Für diese Standorte sind sie rein von der Temperatur her nicht mehr die optimale Wahl.

Wer hält die Hitze aus?

Wenn Fichte und Buche im Südhang-Tal an ihre Grenzen stoßen, wer übernimmt dann? Der Blick auf die Grafik verrät es:

Bäume wie die Traubeneiche (bis 21 °C) oder der Feldahorn (bis 22 °C) sind für die wärmsten Bereiche auf unseren Südhängen bestens gerüstet. Auch die Hainbuche, Winterlinde und Stieleiche (alle um die 20 bis 20,5 °C) kommen mit den hohen Temperaturen deutlich besser zurecht als unsere klassischen Nadelbäume.

Fazit für die Praxis

Ein Wald auf 900 Metern Höhe ist nicht einfach ein Wald auf 900 Metern Höhe. Die Exposition (Nord oder Süd) entscheidet maßgeblich darüber, ob eine Baumart dort gedeiht oder im Dauerstress lebt. Die Grafiken zeigen uns eindrucksvoll, dass Bäume wie die Fichte auf Südhängen in tieferen und mittleren Lagen schlichtweg keine Zukunft haben – und zwar schon nach den aktuellen Temperaturmodellen, ganz ohne weitere Klimaerwärmung in die Zukunft zu projizieren.

Wir erinnern uns: Das war jetzt nur der Temperatur-Check. Wie Wasserversorgung und Böden dieses Bild weiter verändern, sehen wir uns in einem der nächsten Beiträge an.