Klimawandel im Bergwald: Wie sich die Temperaturen in unseren Waldstufen verändern
Um zu verstehen, was die Klimaerwärmung für die Zukunft unseres Waldes bedeutet, müssen wir zunächst die klimatische Ausgangslage in unserer Region exakt kennen. Wie schnell wird es eigentlich kälter, wenn wir vom Tal den Berg hinaufsteigen? Und wie heiß wird es in den oberen Waldstufen im Jahr 2100 sein?
Um diese Fragen zu beantworten, stützen wir unsere Berechnungen auf handfeste, lokale Daten, die wir von tauernwetter.at erhalten haben: die Messwerte der nahe beieinander liegenden Wetterstationen Obervellach (682 m) und Mallnitz (1.197 m).
Der Temperaturgradient: So berechnen wir die Abkühlung am Berg
Aus den Aufzeichnungen der letzten fünf Jahrzehnte kennen wir die mittleren Sommertemperaturen für beide Orte:
- Obervellach (682 m): 18,8 °C
- Mallnitz (1.197 m): 15,4 °C
Aus diesen Werten lässt sich ein sogenannter Temperaturgradient ableiten – also die genaue Temperaturabnahme pro 100 Höhenmeter. Die Rechnung dahinter ist unkompliziert: Der Höhenunterschied zwischen Obervellach und Mallnitz beträgt 515 Meter. Der Temperaturunterschied liegt bei exakt 3,4 °C.
Teilen wir nun die 3,4 °C Temperaturdifferenz durch die 5,15 Hunderterschritte der Höhendifferenz, erhalten wir unseren regionalen Gradienten: In der Region Obervellach/Mallnitz sinkt die Sommertemperatur pro 100 Höhenmeter um durchschnittlich 0,66 °C.
Mit diesem lokalen Temperaturgradienten von 0,66 °C haben wir das wichtigste Werkzeug in der Hand. Unser Ziel ist es nun, für alle Waldstufen – vom Talboden bis hinauf zur alpinen Waldgrenze – die aktuellen Sommertemperaturen zu berechnen.
Zusätzlich blicken wir in die Zukunft: Basierend auf der Prognose von tauernwetter.at rechnen wir für das Jahr 2100 mit einem Anstieg der mittleren Sommertemperaturen um rund 3,5 °C. Auch diesen Wert haben wir auf unsere Höhenstufen umgelegt.
Warum dieser Aufwand? Nur durch diese detaillierte Aufschlüsselung können wir im nächsten Schritt überprüfen, ob unsere heimischen Bäume mit ihren individuellen Temperaturtoleranzen heute noch in ihre angestammten Höhenstufen passen – und vor allem, ob sie dort im Jahr 2100 noch überleben können.
Hier ist das Ergebnis unserer Berechnungen im Überblick:
Basierend auf den Daten der Grafik lässt sich eine drastische und weitreichende Veränderung für die Waldgrenze und das gesamte Ökosystem des Bergwaldes in den kommenden Jahrzehnten ablesen.
1. Massive Verschiebung der Waldgrenze nach oben
Die Waldgrenze wird stark ansteigen. Bäume benötigen für ihr Wachstum eine gewisse sommerliche Mindesttemperatur (oft wird hier die 10-Grad-Marke im wärmsten Monat als grober Richtwert herangezogen).
- Die aktuelle Situation: Heute liegt die natürliche Wald- bzw. Baumgrenze meist in der hochsubalpinen Stufe (1800–2100 m). Hier liegen die Sommertemperaturen aktuell bei etwa 11,4 °C bis 9,4 °C. Darüber, in der alpinen Stufe, ist es für geschlossenen Wald zu kalt.
- Die Prognose für 2100: Laut der Tabelle werden in der alpinen Stufe (2100–2300 m) bis zum Jahr 2100 Sommertemperaturen von 12,9 °C bis 11,5 °C erreicht. Das bedeutet: Die klimatischen Bedingungen, die wir heute in den waldreichen subalpinen Stufen finden, verschieben sich komplett in Höhenlagen über 2100 Meter. Der Wald wird diesen Temperaturen folgen und die heutige baumfreie alpine Zone erobern.
2. Der "Fahrstuhl-Effekt" und der Verlust alpiner Lebensräume
Wenn der Wald weiter nach oben wandert, verkleinert sich der Lebensraum für spezialisierte hochalpine Pflanzen und Tiere (wie Schneehuhn, Murmeltier oder Edelweiß).
Da ein Berg nach oben hin spitz zuläuft und irgendwann endet, haben diese kälteliebenden Arten keine Ausweichmöglichkeiten mehr. Sie werden von den wärmeliebenden Arten aus den tieferen Lagen quasi "vom Gipfel gedrängt".
3. Stress in den tieferen Lagen (Baumartenwechsel)
Während sich die Waldgrenze nach oben verschiebt, geraten die Wälder am Fuß des Berges massiv unter Druck:
- In der submontanen Stufe (500–800 m) werden bis 2100 Sommertemperaturen von 23,6 °C bis 21,6 °C erwartet.
- Das ist ein Temperaturniveau, das für viele heute dort heimische Baumarten (insbesondere flachwurzelnde Nadelbäume wie die Fichte, die viel Wasser brauchen) zu heiß und zu trocken sein wird. Es wird zu einem erzwungenen Baumartenwechsel kommen, bei dem hitzeresistentere Arten (wie Eichen, Edelkastanien oder trockenheitsresistente Tannen) die heutigen Wälder ersetzen müssen.
4. Das Problem der Geschwindigkeit
Die klimatische Verschiebung der Temperaturzonen passiert innerhalb weniger Jahrzehnte. Bäume sind jedoch langlebige Organismen, und ein Wald wandert durch Samenflug nur sehr langsam. Das Klima verändert sich also deutlich schneller, als der Wald natürlich "hinterherwandern" kann. Das Resultat in der Übergangszeit sind gestresste Wälder, die extrem anfällig für Schädlinge (wie den Borkenkäfer) und Waldbrände sind.
Im nächsten Beitrag werden wir uns anschauen, wie die Temperaturen von der Exposition beeinflusst werden und wir prüfen, welche Baumarten jetzt und in Zukunft für die Schattseite und Sonnseite im Raum Obervellach in Frage kommen könnten.

