Welche Baumart hält wie viel Hitze aus? Die Sommertemperaturen als Gradmesser für unseren Wald

Wenn wir unsere Wälder fit für den Klimawandel und die Zukunft machen wollen, müssen wir im ersten Schritt verstehen, was unsere heimischen Bäume eigentlich brauchen – und wo genau ihre biologischen Grenzen liegen.

Um das für unser konkretes Untersuchungsgebiet fundiert herauszufinden, gehen wir strategisch vor. Unser Denkvorgang für die nächsten Analysen sieht wie folgt aus:

  1. Die klimatischen Grenzen kennenlernen: In diesem Beitrag schauen wir uns an, welche Sommertemperaturen unsere heimischen Baumarten tolerieren.
  2. Die reale Wetterentwicklung analysieren: Danach werfen wir einen Blick auf die lokalen Messreihen der letzten fünf Dekaden, die mir freundlicherweise von tauernwetter.at zur Verfügung gestellt wurden.
  3. Auf den eigenen Wald umlegen: Da diese Wetterdaten natürlich immer nur exakt für die jeweilige Messstation (und deren Seehöhe) gelten, werden wir in einem Folgebeitrag die gemessenen Werte auf die spezifischen Höhenstufen unseres Waldes hochrechnen.

Doch alles der Reihe nach. Konzentrieren wir uns heute auf den ersten Schritt: Die Temperaturtoleranzen unserer Baumarten.

Warum schauen wir auf die Sommertemperatur und nicht auf das Jahresmittel?

In den Medien hört man oft vom Anstieg der globalen oder lokalen „Jahresmitteltemperatur“. Für die Beurteilung, ob eine Baumart an einem bestimmten Standort langfristig überleben kann, ist das Jahresmittel aber nur sehr bedingt aussagekräftig. Warum ist das so?

Ein Jahresmittelwert verschleiert die Temperaturextreme. Ein eisig kalter Winter kann rein rechnerisch einen extrem heißen, trockenen Sommer ausgleichen. Für den Baum ist dieser Durchschnittswert am Ende des Jahres aber völlig irrelevant. Bäume wachsen in der Vegetationsperiode – also hauptsächlich im Sommer. In dieser Zeit laufen die Photosynthese und die Wasserverdunstung (Transpiration) der Blätter und Nadeln auf Hochtouren.

Hohe Sommertemperaturen bedeuten einen enormen Wasserbedarf. Fehlt der Niederschlag, gerät der Baum unter massiven Trocken- und Hitzestress. Hitzewellen im Sommer sind der Hauptgrund, warum unsere Bäume an Vitalität verlieren, ihre Abwehrkräfte sinken und sie anfällig für Schädlinge wie den Borkenkäfer werden. Deshalb ist die mittlere Sommertemperatur ein wesentlich genauerer und ehrlicherer Indikator für das Anbaurisiko im Klimawandel als das Jahresmittel.

Die Toleranzbereiche der Baumarten im Überblick

Werfen wir nun einen Blick auf die obenstehende Grafik, die die Toleranzbereiche verschiedener Baumarten bei der Sommertemperatur visualisiert. (Quellenhinweis: Die Grenzwerte dieser Übersicht wurden aus der umfassenden Praxishilfe „Klima – Boden – Baumartenwahl“ der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft, kurz LWF Bayern, abgeleitet. Diese Broschüre liefert essenzielle Steckbriefe für die Baumartenwahl im Klimawandel).

Aus der Grafik lassen sich vier spannende Gruppen ablesen:

  • Die alpinen Kältespezialisten: Ganz extrem fällt die Zirbe auf. Ihr Wohlfühlbereich liegt zwischen kühlen 5 °C und 12 °C Sommertemperatur. Wird es wärmer, gerät sie massiv unter Druck. Auch die Lärche wächst noch bei sehr kühlen Bedingungen (ab 8 °C), weist aber eine erstaunlich breite Toleranz bis hin zu 19 °C auf.
  • Unsere klassischen Nadelbäume: Unsere absolute Brotbaumart, die Fichte, fühlt sich nur in einem Fenster von 11 bis 18 °C dauerhaft wohl. Schon ab 18 °C mittlerer Sommertemperatur wird es für sie sehr kritisch – ein Wert, der an vielen tieferen Standorten heute schon oft überschritten wird. Die Weißkiefer liegt im exakt selben Temperaturband (11 bis 18 °C). Etwas mehr Wärme vertragen die Tanne (12 bis 19 °C) sowie die eingeführte Douglasie (14 bis 19 °C).
  • Die typischen Laubbäume: Die Rotbuche, von Natur aus die dominierende Laubbaumart Mitteleuropas, toleriert Sommertemperaturen von 14 bis 19 °C. Ziemlich deckungsgleich verhalten sich andere heimische Laubbäume wie der Bergahorn (13 bis 19 °C), die Esche (14 bis 19 °C) oder die Schwarzerle (14 bis 19 °C).
  • Die Wärmeliebhaber der Zukunft: Suchen wir nach Baumarten, die auch mit heißen Sommern gut zurechtkommen, rücken unweigerlich die Eichen und bestimmte hitzetolerante Laubholzarten in den Fokus. Die Stieleiche (14 bis 20 °C) und besonders die Traubeneiche (15 bis 21 °C) gelten als deutlich robuster gegen Hitze. Der absolute Spitzenreiter in unserer grafischen Übersicht ist jedoch der Feldahorn, der Sommertemperaturen von bis zu 22 °C verträgt. Auch die Hainbuche glänzt mit einer hohen Toleranz (14,5 bis 20,5 °C).

Temperatur ist wichtig – aber nicht alles

So wertvoll die Sommertemperatur als Leitfaden für die Zukunft auch ist, wir dürfen unsere Zielbaumarten natürlich nicht ausschließlich nach dem Thermometer auswählen. Wer den Wald klimafit machen will, muss immer das große Ganze im Blick behalten.

Die ideale Temperaturhülle nützt uns wenig, wenn der Baum mit den lokalen Gegebenheiten vor Ort nicht klarkommt. Jeder Waldstandort ist einzigartig. Wir müssen uns also immer auch ansehen:

  • Boden Nährstoff- und Wasserhaushalt: Passt die Baumart zum speziellen Boden? Wie tief kann sie wurzeln? Eine wärmeliebende Eiche nutzt uns auf einem extrem flachgründigen, felsigen oder stark vernässten Boden recht wenig.
  • Spezifische Risiken: Jede Baumart bringt ihre eigenen Schwachstellen mit. Manche Arten (wie etwa die Tanne oder die Walnuss) reagieren extrem empfindlich auf Spätfröste im Frühjahr.
  • Schädlinge und Krankheiten: Auch neue oder eingeschleppte Krankheiten können eine an sich temperaturtaugliche Baumart ungeeignet machen. Ein trauriges Beispiel dafür ist die Esche, deren Zukunft im Wald durch das gefährliche Eschentriebsterben aktuell massiv infrage gestellt ist.

Die Temperaturtoleranz ist also ein hervorragender und notwendiger Filter, um eine erste Vorauswahl zu treffen. Die finale Entscheidung für eine Baumart muss aber immer standortgerecht und individuell unter Einbeziehung aller Faktoren fallen.

Lesen sie weiter, wie wir das auf unsere Waldstandorte umlegen können.